Lass' es schwimmen

Japan besteht aus steilen Bergen und großen Wäldern. Sonnen- und Windfarmer weichen daher auf Seen und die See aus.

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Von
  • Martin Kölling

Japan besteht aus steilen Bergen und großen Wäldern. Sonnen- und Windfarmer weichen daher auf Seen und die See aus.

Energiepolitisch sind Japans Topographie und Lage Segen und Fluch zugleich. Bei dem Land handelt es sich um einen Inselrücken, der von Erdplatten, die sich unter die eurasische Landmasse schieben, aufgetürmt werden. Das Land ist daher auf der Pazifik-Seite und im Süden bedeutet dies so viel Sonnenschein, dass sich Sonnenstrom in einigen Stellen schon fast zu wettbewerbsfähigen Preisen produzieren lässt. Gleichzeitig ist es vor allem im Norden zugig genug, um die Landschaft mit Windmühlen zuzustellen. Die vulkanische Aktivität des Untergrunds liefert darüber hinaus Geothermie satt. Doch gleichzeitig erschwert die Geologie des Archipels den Ausbau alternativer Energien.

Ein Großteil der Landmasse besteht aus Bergen mit steilen Hängen und tiefen Tälern. Um die wenigen bebaubaren Flächen konkurrieren daher Wohnraum, Fabriken, Autos und die Landwirtschaft. Platz für große Sonnen- und Windkraftwerke ist daher rar und vergleichsweise teuer. Gleichzeitig ist die Errichtung von Windkraftwerken in den Bergen technisch anspruchsvoll, weil die Hänge so steil sind und die Winde in Japan gerne schnell drehen. Und die Errichtung von Windparks vor der Küste wird dadurch erschwert, dass der Meeresboden nicht wie in der Nord- oder Ostsee flach, sondern extrem steil abfällt. Windmühlen auf festen Grund zu bauen ist daher nur in einer schmalen Zone möglich. Als Ausweg treibt es die Japaner zu schwimmenden Solar- und Windkraftwerken.

Am 11. November wurde vor der Küste Fukushimas ein Embryo eingeweiht, der sich zum größen schwimmenden Windkraftwerk der Welt entwickeln soll. Das Ziel des Pilotprojekts ist, bis 2015 die Technik für einen kommerziellen Bau und Betrieb von Großanlagen fertigzustellen. In der ersten Phase treiben eine Fallwind-Turbine mit zwei Megawatt Leistung, eine Transformatorenstation und unterseeische Stromkabel im Meer, 2020 sollen es 120 Windmühlen mit 1000 Megawatt sein. Vor Nagasaki nahm eine kleine Anlage diesen Monat sogar den kommerziellen Betrieb auf.

Ein anderes Beispiel sind schwimmende Sonnenkraftwerke. Auf einem kleinen Wasserreservoir hat die Stadt Okegawa in der Präfektur Saitama nördlich von Tokio auf einer Floßkonstruktion ein 12400 Quadratmeter großes Sonnenkraftwerk gebaut. Die Eigner glauben, es ist das größte der Welt. Und sie werben mit den folgenden Vorzügen:

- Das schwimmende Kraftwerk erlaubt es Seebesitzern bisher brach liegendes ökonomisches Potenzial ihrer Wasserfläche zu versilbern – entweder als Betreiber oder als Vermieter der Seefläche.

- die Kosten für die Seeoberfläche sind so viel billiger als die von Land, dass die Gesamtinvestitionen trotz der Flöße billiger sind.

- die Verdunstung von Wasser kühlt die Solarzellen und erhöht ihre Effizienz.

- und Zugvögel haben die künstliche Insel als Ruhestätte für sich entdeckt.

Der See liefert nun genug Energie für 400 Vier-Personen-Haushalte. Interessanterweise ist selbst dieser japanische Rekordversuch in sich schon wieder sehr global. Die Schwimmer stammen aus Frankreich, die Solarzellen aus China, die Inverter aus Japan. Und auch die Projektentwicklung wird immer globaler. First Solar aus den USA will 100 Millionen Dollar in Japan investieren, allerdings in landgängige Anlagen. Andere ausländische Hersteller von kleinen schwimmenden Sonnen-, Wasser-, und Windkraftanlagen stehen in den Startlöchern. Denn Japan hat jede Menge Stauseen für die Trinkwasser- und Stromgewinnung. Die Idee, die Wasseroberfläche zu bebauen, ist daher verlockend. Und wer weiß: Vielleicht entwickelt sich daraus ja ein neuer japanischer Exportschlager. (jlu)