Software-Suche in der wissenschaftlichen Literaturflut
Mit Hilfe eines Analyseprogramms von IBM spüren US-Forscher in zigtausenden Veröffentlichungen neue molekulare Verbindungen auf, die für Krebstherapien wichtig sein könnten.
- Niels Boeing
Die Suche nach neuen Wirkstoffen gegen Krankheiten ist, zum Leidwesen der Pharmaindustrie, ziemlich aufwändig. Den Überblick über die Flut wissenschaftlicher Veröffentlichungen zu behalten, auch. Ein Fall für den Rechner, mag man sich einmal mehr bei IBM gedacht haben. Gemeinsam mit dem Baylor College of Medicine hat der IT-Konzern eine Software entwickelt, die selbständig wissenschaftliche Aufsätzen in Massen „lesen“ – und offenbar auch analysieren kann. In einem Versuch mit 60.000 Papern fand die Software Hinweise auf Proteine, die zu neuen Medikamenten zur Krebsbehandlung führen könnten.
Bei diesen Proteinen handelt es sich um sogenannte Kinasen, Enzyme, die wiederum das Protein p53 regulieren. Es spielt eine wichtige Rolle beim Wachstum von Krebszellen. „Wir haben zehn dieser Proteine getestet“, sagt Olivier Lichtarge vom Baylor College. „Sieben scheinen echte Kinasen zu sein.“ Die Ergebnisse der neuen Studie hat Lichtarge kürzlich auf einer Tagung am IBM Almaden Research Lab präsentiert. Die Befunde müssen nun in Laborexperimenten überprüft werden.
Lawrence Hunter, Direktor des Center for Computational Pharmacology an der University of Colorado in Denver, hält solche Software-Analyse in Zukunft für unerlässlich im Forschungsbetrieb. Sie könnte nicht nur neue Ansätze für die Medikamenten-Entwicklung liefern, sondern schon in einem frühen Forschungsstadium Belege für oder wider eine Hypothese aus den Publikationen herausfiltern. „Ich glaube, das würde die Wissenschaft wirklich schneller machen“, sagt Hunter. „Wir verschwenden oft viel Zeit im Labor, weil wir nicht jedes Detail der Fachliteratur kennen.“
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(nbo)