Antiwissen
Algorithmen liefern immer bessere Vorhersagen, aber es gibt Dinge, die sich nicht voraussagen lassen. Was aber nicht heißt, dass wir nichts tun können.
- Peter Glaser
Algorithmen liefern immer bessere Vohersagen, aber es gibt Dinge, die sich nicht voraussagen lassen. Was aber nicht heißt, dass wir nichts tun können.
Viele versuchen, die Zukunft prognostisch vorherzusagen, Trends und Leitströmungen zu orten, aber es gibt Dinge, die prinzipiell unvorhersehbar sind. Also sollte man als erstes den Fehler vermeiden, sie vorhersagen zu wollen. Daraus folgt eine Art von Nichtwissen – Anti-Wissen. Antiwissen ist realistischer als falsche Prognosen. Wir können nicht vorhersagen, wann ein Erdbeben stattfinden wird. Aber wir können sagen, welche Folgen es zum Beispiel in einer Stadt wie San Francisco oder Tokio haben wird und wie wir uns darauf vorbereiten können.
Antiwissen heißt, dass wir über bestimmte wichtige Ereignisse und Entwicklungen nichts wissen, ehe sie eintreten. Aber es heißt nicht, dass wir nichts tun können. Wir können zum Beispiel damit anfangen, positive zuvor unvorhersagbare Ereignisse zu sammeln, die in der Vergangenheit eingetreten sind. Damit lassen sich möglicherweise Antworten finden auf die Frage „Was haben wir damals bloß richtig gemacht?"
Eine der Möglichkeiten, wie man eine solche Suche durchführen kann, ist so neu, dass es noch kein deutsches Wort dafür gibt: Serendipity. Es handelt sich um eine abenteuerlustige und überraschende Art des Suchens. Serendipity bedeutet, etwas Interessantes zu finden, das man gar nicht gesucht hat. Serendipität hat es als Internetphänomen zu großer Verbreitung gebracht, sie ist ein urtypisches Google-Phänomen. Man sucht etwas Bestimmtes und läßt sich dazu hinreissen, einen darunter- oder danebenliegenden Link anzuklicken, weil er etwas verheißt, das einen neugierig macht oder weil man einem kleinen, unvernünftigen Impuls folgt. Auf der nächsten Seite geht es einem genauso. Und klick!, schon ist man kilometerweit entfernt von seiner ursprünglichen Absicht, genießt aber das stille Glück des Entdeckers. Wie viele wahnsinnig interessante Dinge es doch gibt auf der Welt!
Das Wort Serendipity tauchte 1754 zum ersten Mal in einem Brief des englischen Schriftsteller Horace Walpole an einen Kollegen auf. Walpole bezog sich darin auf ein persisches Märchen mit dem englischen Titel „The Three Princes of Serendip". (Serendip ist die alte persische Bezeichnung für Ceylon, das heutige Sri Lanka). Die Geschichte erinnert ein wenig an die Legende von den heiligen drei Königen. In dem Märchen aus Serendip machen drei Prinzen während einer weiten Reise eine Reihe unerwarteter Entdeckungen. Bei dieser Art des Suchens werden nicht einfach zielgerichtet Fakten gesucht. Was dabei zusätzlich gefunden wird, ist ein intensives Gefühl.
Und dieses Gefühl ist nicht zuletzt ein hervorragender Treibstoff für die künftigen Ausflüge ins Ungewisse. Die Autorin Katie Hafner schreibt in ihrem Buch „Where Wizards Stay Up Late“ über die Ursprünge des Internets: „Amerikas Romanze mit den Highways hat auch nicht damit begonnen, dass jemand Straßen begradigt, asphaltiert und mit weißen Streifen in der Mitte bemalt hat, sondern damit, dass einer auf den Trichter kam, seine Karre wie James Dean die Route 66 runterzufahren und das Radio laut aufzudrehen und eine gute Zeit zu haben.”
Was wir suchen, sind nicht nur Informationen über Richtungen und Tendenzen. Wir suchen immer auch ein Gefühl, und Gefühle müssen ja keineswegs im Ungefähren bleiben. Sie lassen sich sehr wohl präzisieren. Gefühle sind schnelle, intuitive Erkenntnisprovisorien. Skizzen des Unvorhersehbaren, von einem blinden Zeichner angefertigt. Ein arabisches Sprichwort sagt treffend: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach Pläne.
(jlu)