Stanford überwacht zurück

Das Metaphone Project will wissenschaftlich erhärten, was die NSA aus den Metadaten der Mobilkommunikation wirklich herauslesen kann. Freiwillige können sich über eine App an dem Projekt beteiligen.

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Von
  • Tom Simonite

Das Metaphone Project will wissenschaftlich erhärten, was die NSA aus den Metadaten der Mobilkommunikation wirklich herauslesen kann. Freiwillige können sich über eine App an dem Projekt beteiligen.

Die NSA-Überwachung beherrscht seit Monaten die Schlagzeilen. Doch in die Empörung mischt sich eine gute Portion Ratlosigkeit. Was kann der Geheimdienst aus den gesammelten Daten wirklich schließen? Und bin ich als unbescholtener Bürger auch betroffen, fragen sich viele. Um Antworten zu finden, haben Ingenieure der Stanford University nun begonnen, die Überwachungsaktivität der NSA wissenschaftlich zu untersuchen. Im „Metaphone Project“ sammeln sie dieselben Metadaten aus Mobilkommunikation wie die Datenkrake aus Maryland.

Hierfür haben die Stanford-Forscher eine App entwickelt, die Teilnehmer an dem Massenexperiment auf ihrem Smartphone installieren. Die App übermittelt dann der Forschungsgruppe Kopien der Metadaten eines Nutzers – also die Uhrzeiten von Anrufen und Kurznachrichten sowie die Aktivitäten in Facebook. Mit Hilfe von Data-Mining-Verfahren wollen die Ingenieure dann herausfinden, welche aufschlussreichen Informationen über den Alltag sich aus den Daten herausfiltern lassen.

Dass die NSA Metadaten von Mobilfunkbetreibern wie Verizon einsammelt, war eine der ersten Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden im Frühsommer 2013. Experten gehen davon aus, dass eine Vielzahl von Firmen verpflichtet ist, solche Daten an die NSA weiterzugeben. Der Geheimdienst beteuert, die Verbindungsdaten aus Mobilfunknetzen würden nur dazu genutzt, nach bestimmten Telefonnummern zu suchen, die im Rahmen von laufenden Ermittlungen wichtig seien. Kritiker halten dagegen, dass eine sorgfältige Analyse sehr viel mehr enthüllen kann als nur die Handybewegung von Verdächtigen.

Weil die Analyse-Fähigkeiten der NSA nicht bekannt seien, verspricht sich Jonathan Mayer, Mitgründer des Metaphone Project, von der eigenen Datensammlung mittels Crowdsourcing wertvolle Erkenntnisse für die Überwachungsdebatte zu gewinnen. „Verteidiger der NSA-Überwachung vertreten die Position, Metadaten könnten nichts enthüllen“, sagt Mayer. „Wir wollen jetzt empirische Belege zu dieser Auseinandersetzung vorlegen.“

Mehrere Forschungsprojekte haben anhand von Metadatensätzen, die Provider zu Studienzwecke bereit gestellt hatten, zeigen können, dass sich daraus sehr wohl demografische Erkenntnisse, kulturelle Vorlieben und Milieus sowie gesellschaftliche Gruppierungen ableiten lassen. Tatsächlich gibt es bereits erste Firmen, die ein solches Reality Mining einsetzen wollen, um Nutzerprofile zu erstellen und diesen dann die passende Werbung aufs Display zu schicken. Dieses Reality Mining baut allerdings wesentlich auf Standort-Daten von Handynutzern auf.

Die NSA sammelt nach bisherigem Wissensstand keine Standort-Informationen. Mayer geht jedoch davon aus, dass auch die restlichen Verbindungsdaten Hinweise auf das Leben eines Nutzers geben. „Unsere Arbeitshypothese ist, dass Metadaten vollgestopft sind mit praktischen Informationen.“

Erste, jetzt veröffentlichte Ergebnisse stützen die Hypothese. Schon aus den wenigen Daten, die bislang über die App eingegangen sind, konnten Mayer und seine Kollegen erkennen, ob ein Nutzer in einer Beziehung lebt oder nicht.

Das herauszufinden, ist nicht so trivial, wie es erscheinen mag. Alle Menschen kommunizieren mit bestimmten Nummern besonders häufig, auch ohne Beziehung. Die Stanford-Gruppe untersuchte deshalb die Häufigkeit und Dauer von Verbindungen – ob als Anruf oder SMS – auf bestimmte Muster. Hierfür wurde die Software an Mustern trainiert, die Nutzer zeigen, die auf ihren Facebook-Seiten mitteilen, dass sie in einer Beziehung leben. Bei neuen Datensätzen konnte die Software dann in 60 Prozent der Fälle den Beziehungsstatus korrekt ermitteln. (nbo)