NSA inspiriert zum Schnüffeln
Die von Edward Snowden offengelegten umfassenden Spionagetechniken des US-Geheimdienstes könnten als Vorlage für repressive Regime dienen, fürchten Forscher.
- Tom Simonite
Die von Edward Snowden offengelegten umfassenden Spionagetechniken des US-Geheimdienstes könnten als Vorlage für repressive Regime dienen, fürchten Forscher.
Die NSA-Affäre hat weltweit für Empörung gesorgt. Doch die Konsequenzen halten sich bislang in Grenzen. Im Gegenteil, meinen Forscher: Die Schnüffelprogramme des US-Geheimdienstes, die durch den Ex-Mitarbeiter Edward Snowden bekanntgeworden sind, könnten weltweit zu mehr Überwachung führen, wie eine aktuelle Untersuchung des Citizen Lab der University of Toronto zeigt. Die Privatsphären- und Sicherheitsforscher glauben, dass repressive Regime die umfassende Speicherwut der NSA als Schablone nutzen könnten.
Der Bericht warnt davor, dass Regierungen, die das Internet bereits jetzt autoritär kontrollieren, diese Bemühungen noch ausdehnen könnten. Dazu zählen China ebenso wie Indien und Saudi-Arabien. Diese Länder denken demnach darüber nach, ähnliche "Bulk Collection"-Programme aufzulegen, wie sie die NSA seit Jahren anwendet. Dabei werden so viele Daten wie möglich gesammelt, um sie später auswerten zu können. Das könnte wiederum enorm negative Auswirkungen auf die Menschenrechte haben, so die Citizen-Lab-Forscher.
Ron Deibert, Direktor des Labors, meint, dass die Snowden-Enthüllungen bereits jetzt dazu führen, dass Regierungen versuchten, ihre Kontrolle über die lokale Internet-Infrastruktur auszudehnen. Dazu zählten Forderungen an die großen Netz- und Telekommunikationskonzerne ebenso wie eigene "Signals Intelligence"-Programme "nach US-Modell", wie Deibert sagt.
Die Citizen-Lab-Forscher fanden heraus, dass viele Internet- und Telekommunikationsunternehmen bereits jetzt breite – und für die Unternehmen durchaus frustrierende – Abhörbegehren von Regierungsbehörden in diversen "Emerging Markets" erhalten. Deibert glaubt, dass die NSA-Leaks dazu führen, dass solche Anfragen deutlich zunehmen werden – mit problematischen Konsequenzen für die Bevölkerung. "Viele Länder des globalen Südens verfügen nicht einmal über grundlegendste Schutzmaßnahmen gegen den Missbrauch solcher Anfragen. Die Dienste müssen sich nur selten rechtfertigen." Menschenrechtsverletzungen seien zu erwarten.
Es gibt bereits Beispiele dafür. In Indien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien wurde beispielsweise der Mobilgeräteanbieter BlackBerry dazu gedrängt, seine Kommunikationsdienste mit technischen Hintertüren für die Behörden auszustatten. Das war noch vor der NSA-Affäre – und solche Begehrlichkeiten dürften zunehmen. Deibert warnt davor, dass solche "Backdoors" zu ernsthaften Sicherheitsproblemen führen könnten, da sie von Dritten missbraucht werden könnten.
2008 entdeckten Forscher des Labors Schnüffeltechnik in der chinesischen Version von Skype. Das Programm war auf Verlangen der Pekinger Regierung so verändert worden, dass bei der Eingabe bestimmter Schlüsselbegriffe im Skype-Chat automatisch Logdateien angelegt wurden, die dann an einen Behördenserver gingen. Diese Rechner waren erstaunlicherweise nicht passwortgeschützt – was bedeutete, dass potenziell jeder Interessierte Millionen persönlicher Gespräche herunterladen konnte.
Deibert hält es nicht für realistisch, Regierungsstellen den Zugriff auf Daten von Internet-Firmen ganz zu verbieten. Allerdings müsse sichergestellt werden, dass ein gelegentlicher Zugriff datenschutzkonform erfolgt. Dazu dürfe es keine ständige Datenerfassung und keine Hintertüren geben. Doch genau das wollen die Schlapphüte und Polizisten in den Ländern des Südens nun offenbar nicht mehr. Wie ihre amerikanischen Kollegen möchten sie nun schlicht Zugriff auf alles. (bsc)