"Kinder müssen im 21. Jahrhundert Robotik lernen"
Drei Fragen an Dmitrij Grischin: Was der russische Internetmogul über seine Ambitionen auf dem US-Markt, die Zukunft des Wearable Computing und die Bedeutung der Robotik denkt.
- Rachel Metz
Drei Fragen an Dmitrij Grischin: Was der russische Internetmogul über seine Ambitionen auf dem US-Markt, die Zukunft des Wearable Computing und die Bedeutung der Robotik denkt.
Dmitrij Grischin ist eines der Schwergewichte der russischen Internetszene. 2000 gründete er Molotok.ru, einen eBay-Klon. Es folgte Mail.ru, ein Konglomerat aus Online-Diensten, eine Art russisches Yahoo. Seit einiger Zeit investiert er mit seiner Wagniskapitalfirma Grishin Robotics in Robotik – eine seiner Passionen. Fünf Beteiligungen hat das Unternehmen inzwischen getätigt, unter anderem in den Hardware-Entwickler Bolt und den Satelliten-Hersteller NanoSatisfi. Eine erstaunliche Technologie-Vita für einen 34-jährigen, der in diesem Jahr zu einem der MIT Technology Reviews Innovators Under 35 gewählt wurde.
Doch Grischin ruht sich nicht aus. Sein nächstes Ziel ist der US-Markt, wo er Mail.ru etablieren will. Vor kurzem startete er außerdem My.com, ein Unternehmen für die Entwicklung von Kommunikations- und Unterhaltungsapps. Zu den ersten Produkten gehören die Apps myMail und myChat sowie Spiele, darunter „Lucky Fields“, das an FarmVille erinnert. Technology Review sprach mit Grischin über seine Ambitionen in den USA, die Zukunft des Wearable Computing und seine Begeisterung für Robotik.
Technology Review: Warum interessieren Sie sich jetzt für den US-Markt, auf dem es schon reichlich Auswahl an Produkten gibt, die Sie jetzt herausbringen?
Dmitrij Grischin: Einer der Hauptgründe ist, dass wir davon ausgehen, dass der Wettbewerb langfristig global ausgetragen wird. Mobile Plattformen wie Google Play oder iOS von Apple erlauben einem bereits, leichter als zuvor, verschiedene Märkte anzuzapfen. Wir werden mehr und mehr beobachten, dass deutsche Firmen in Israel oder brasilianische Firmen in Russland aktiv sind. Es wird definitiv ein globaler Markt.
Ein zweiter Grund ist: Sie müssen sich mit den Besten messen, wenn sie bessere Produkte entwickeln wollen. Die USA sind natürlich einer der wettbewerbsintensivsten Märkte, die es gibt, und auch einer der schwierigsten. Deshalb haben wir ein US-Team zusammengestellt, um die die dortigen Verbraucher und den lokalen Markt zu verstehen.
TR: Der Markt für Smart Watches ist im vergangenen Jahr enorm gewachsen. Haben Sie auch daran gedacht, Apps für Smart Watches zu entwickeln?
Grischin: Smart Watches sind unter strategischen Gesichtspunkten sicher ein sehr interessanter Markt. Aber er ist zu klein, um die App-Entwicklung darauf auszurichten. Natürlich gibt es die Pebble oder die Samsung Galaxy Gear. Mein Rat, vor allem für kleine Softwarefirmen: Es ist zu früh, um abschätzen zu können, wie groß der Markt ist. Der braucht erst einmal Hardware-Innovationen, viel mehr als Software. Hardware heißt nicht umsonst so – es ist hart, sie zu entwickeln.
Wir brauchen mehr Bildung, mehr Unterstützung für Start-ups in der Frage, wie man Hardware herstellt. Denn das umfasst viele verschiedene Probleme: die Distribution etwa, die Auslieferung des Krams an den Einzelhandel. Dann müssen Sie sich ums Packaging kümmern oder um den Support – wie kommen die Geräte wieder zu Ihnen zurück, wenn sie kaputt sind? Und Sie müssen natürlich auch etwas von der Fertigung verstehen, immer noch einer der schwierigsten Prozesse bei Hardware.
TR: Eine der Firmen, die Sie mit Grishin Robotics finanzieren, setzt Roboter ein, um Kindern MINT-Fächer näherzubringen, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Warum eignen sich Roboter für den Unterricht?
Grischin: Ich finde die Idee supercool, weil die Kinder heute alle gelangweilt sind vom Unterricht. Wenn man Smartphones und Spiele hat und sich dann auf Mathematik konzentrieren soll – das funktioniert nicht. Grundsätzlich soll Bildung mehr Spaß machen, interessanter werden. Ich glaube, dass Kinder im 21. Jahrhundert nur eine Sache wirklich lernen müssen: Robotik. Sie deckt Mathematik, Physik, Mechanik und Programmierung ab. Das sind die einzigen Dinge, die man braucht. Wirklich.
OK, das ist nicht total ernst gemeint. Aber ich glaube schon, dass das spannend ist, weil Robotik verschiedene Fächer miteinander verbindet. Und vor allem hilft sie dabei, dass Unterricht Spaß macht. (nbo)