Handys für die Sinne
In Japan wird nicht nur über Technik nachgedacht, sondern auch über die Frage, wie sie riecht.
- Martin Kölling
In Japan wird nicht nur über Technik nachgedacht, sondern auch über die Frage, wie sie riecht.
Smartphones erobern die Welt, schließlich kann man mit ihnen fast alles mobil erledigen, was man sich vorstellen kann. Seit der Erfindung des Touchscreens sind die Geräte auch sinnlicher geworden – anstatt hektisch auf Tasten einzuhämmern, streicheln wir nun zärtlich mit unseren Fingerspitzen über glatte Bildschirme. Aber Japan wäre nicht Japan, wenn dies den Menschen dort reichen würde. In dem Land wird auch daran geforscht, wie man andere Sinne mit Technik ansprechen kann, so auch die Nase.
Diese Woche habe ich mir dazu eine Neuheit zeigen lassen: den Scentee. Dabei handelt es sich um einen kleinen Aromazerstäuber, der in die Kopfhörerbuchse eines iPhone gesteckt wird. Er besteht aus zwei Teilen: der untere stellt die Verbindung mit dem Handy und liefert den Strom, der obere ist eine Kartusche mit genug Aroma für 100 bis 150 Duftwölkchen. Neben dem Zerstäuber existiert zudem ein Chip, der Daten speichern kann. 35 Dollar soll das Neugerät, fünf Dollar die Nachfüllkartusche kosten. Es ist ab Dezember in Japan und ab dem kommenden Jahr auch in Europa und den USA auf dem Markt.
Die Idee für den Scentee kam der Marketingmanagerin der Softwarefirma Shift, Aki Yamaji, einst in den USA. "Ich fragte mich, warum die Amerikaner mit ihren Mobiltelefonen nur telefonierten und SMS schrieben, und dennoch zufrieden waren", erinnert sie sich. "Wir in Japan konnten damals schon so viel mehr." Dazu gehörte etwa Musik aufs Handy laden, im Internet browsen und bestellen, Dokumente lesen, sich in sozialen Netzwerken tummeln – und das alles, bevor Apple das iPhone erfand.
Und sie dachte sich: Ein Duft-Handy hat noch niemand. Dabei fände sie es so schön, wenn ihr Mobiltelefon sie nicht nur musikalisch, sondern auch mit Kaffeeduft wecken könnte. Drei Jahre später hat ihr Chef ihr nun diesen Wunsch erfüllt. Kaffeearoma gehört zum ersten Dutzend Kartuschen, die ab Mitte Dezember zum Verkauf bereitstehen werden. Ob das ganze ein Erfolg werden wird, sei einmal dahin gestellt. Interessant ist die Idee allemal.
Einige Japaner denken noch einen Schritt weiter. Der Technikphilosoph Morinosuke Kawaguchi fragt, warum unsere Geräte immer so "cool" gestaltet sein müssen. Warum sprechen wir nicht andere Gefühle an? "Warum kann ein Handy nicht sein wie die Kuscheldecke von Charly Browns Freund Linus?"
Das meint nicht nur er. Auch der Roboterpionier Hiroshi Ishiguro hat in die Richtung gedacht: Er hat Handys zum Knuddeln entwickelt. Das Lowtech-Produkt ist ein elfenförmiges Kissen, bei dem man das Handy/Smartphone in eine kleine Tasche am Kopf stecken kann. So hat man wenigstens was zum Drücken oder zum Trösten, wenn man mit der/dem Liebsten telefoniert.
Es gibt auch eine noch bessere Version. Diese heißt Elfoid und stellt eine handgroße Variante von Ishiguros Telepräsenzroboters Telenoid dar. Im Inneren findet die gesamte Handy-Technik Platz. Bei Benutzung schmiegt sich dann das Silikonwesen an die Wange und flüstert dem Nutzer ins Ohr. Es ist kein kalter Block aus Glas, Plastik oder Metall mehr. Leider platzten Ishiguros Verhandlungen mit einem japanischen Telekom-Konzern über die Entwicklung eines solchen Geräts letztlich dann doch.
Was meinen Sie? Würden Sie gerne so ein anschmiegsames Handy haben wollen? (bsc)