Raumforschung: Planetologen fĂĽrchten um ihre Zukunft

Die Planetologie als interdisziplinäres Wissenschaftsgebiet befasst sich mit Planeten, Monden, Sonnensystemen und deren Entstehungsprozessen. Die US-Planetologen befürchten wegen Kürzungen bei der NASA nicht auszugleichende Einschränkungen.

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Die mehrere tausend Wissenschaftler große Gruppe der Planetologen in den USA ist in Aufruhr. Anlass ist eine am Dienstag von der NASA abgehaltene mehrstündige Online-Konferenz. Darin wurden erhebliche Änderungen bei der Zuteilung von Forschungsmitteln angekündigt, ohne jedoch konkrete Budgetzahlen zu nennen. Ein zentrales Programm soll überhaupt für ein Jahr ausgesetzt werden. Viele Forscher sorgen sich um ihre finanzielle Basis, manche warnen vor langfristigen Folgen. "Die NASA sagt, wir sollen uns andere Jobs suchen", war sinngemäß in Tweets zu lesen.

Exoplaneten (19 Bilder)

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Die bislang erdähnlichsten Exoplaneten – bestätigt und unbestätigt (*) – in einer habitablen Zone.
(Bild: PHL @ UPR Arecibo)

Planetologen innerhalb und außerhalb der NASA sind finanziell von der Raumfahrtbehörde abhängig. Deren Planetary Science Division (PSD) ruft regelmäßig dazu auf, zu bestimmten Forschungsthemen Projektanträge einzureichen. Das soll auch so bleiben, allerdings wird das System grundlegend verändert.

"Es wird von etwa zwei Dutzend Aufrufen auf etwa fünf Kernprogramme reduziert", erklärte Carly Howett, Forscherin am Southwest Research Institute gegenüber heise online. "Und das sehr kurzfristig schon für das kommende Jahr. Es gibt sehr wenig Informationen und gemeinsame Beratungen, und das macht uns Sorge." Besonders das Tempo der Änderungen hat Howett überrascht.

Weil die NASA ihre Budgetplanung nicht offen gelegt hat, fürchten viele Forscher weitere Budgetkürzungen. 2012 hatte PSD noch ein Budget von 1,5 Milliarden US-Dollar. Die Regierung kürzte das für 2013 auf 1,2 Milliarden und will diesen Betrag für die nächsten fünf Jahre gleich halten. Für 2013 stockte das US-Parlament das reduzierte Budget um mehr als 200 Millionen Dollar auf und verhinderte, dass das NASA-Management das Geld anderweitig verwendete. Doch dann folgte der berühmte Sequester und die Wiederaufstockung verschwand fast vollständig.

"Die Planetologie wird von den Kürzungen der NASA überproportional getroffen. Und die Zusammenfassung der Forschungsgelder in wenige größere Töpfe führt dazu, dass mehr Wissenschaftler um das selbe Geld wetteifern", erklärte Klaus-Michael Aye gegenüber heise online. "Damit könnten ganze Gruppen leer ausgehen." Der deutsche Wissenschaftler arbeitet an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA).

Das größte PSD-Forschungsprogramm soll 2014 ganz ausgesetzt werden. "25 bis 30 Prozent der Kollegen können nächstes Jahr gar keine Bewerbungen schreiben oder müssen kurzfristig ihre Forschungsausrichtung so umbiegen, dass sie zu den offenen Programmen passt", erwartet Aye. Dazu kommen sehr lange Wartezeiten zwischen Antrag und Entscheidung. Das könnte so manchen Forscher dazu zwingen, seine Karriere aufzugeben.

Ähnliches befürchtet Mark Sykes, Leiter des Planetary Science Institute in Arizona. "Die Leute kommen ja nicht zurück, wenn es übernächstes Jahr wieder Geld gibt. Und es dauert ein Jahrzehnt, Neue auszubilden." Vor allem junge Forscher seien von der Finanzierungspause betroffen.

Die NASA äußerte sich in Form einer kurzen Pressemitteilung. Nur ein Satz daraus erscheint relevant. Er führt die aktuellen Änderungen auf Empfehlungen des Nationalen Forschungsrates (NRC) zurück.

Darstellung des Exoplaneten HD 189733b

(Bild: X-ray: NASA/CXC/SAO/K.Poppenhaeger et al; Illustration: NASA)

Sykes kann dieser Darstellung nichts abgewinnen. "Der NRC hat der NASA für den Fall deutlicher Budgetkürzungen empfohlen, die großen, teuren Raumfahrtmissionen zu verschieben, und dafür die Ausgaben für kleinere Forschungsprojekte zu erhöhen." Denn schon jetzt harrten große Mengen an Daten einer Auswertung. "Für den NRC sind Planetologie und Datenanalyse wichtig. Das NASA-Managements sieht das offenbar anders. Jede andere Aktivität, inklusive Studien über Missionen, die wir wahrscheinlich nie fliegen werden, hat dort höhere Priorität."

Auch Aye wundert sich über die Prioritätensetzung. "Wir schaufeln jeden Tag Gigabyte-weise Daten vom Mond. Schon mit den gegenwärtigen Mitteln ist es schwer, Fachleute zu haben, die sich das alles anschauen können. Stattdessen konzentriert man sich auf ausgewählte Daten. Und das Large Synoptic Survey Telescope soll sogar 30 Terabyte pro Nacht produzieren." Um diese Datenmengen verarbeiten zu können, sei ein neuer Beruf zwischen wissenschaftlicher Forschung und Softwareprogrammierung erforderlich. Derzeit sähen solche Spezialisten wenig Karrierechancen in der Wissenschaft und wanderten meist in die Privatwirtschaft ab.

Die Planetologie ist ein stark interdisziplinäres Wissenschaftsgebiet. Es befasst sich mit Planeten, Monden, Sonnensystemen und deren Entstehungsprozessen.

Die Wissenschaftler erstellen Modelle und werten jene Daten aus, die von technischen Geräten, wie sie die NASA einsetzt, gesammelt werden. Daraus kann viel über unseren eigenen Planeten gelernt werden. Die Forschungsergebnisse sind auch Grundlage der Planung zukünftiger Missionen im All.

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(jk)