Die Telefonzellen und der Kleingeldfaktor
Zwar wurden viele öffentliche Fernsprecher abgebaut, aber seit 2005 nimmt ihre Zahl wieder zu. Die Zukunft sehen sowohl Platzhirsch Telekom als auch alternative Betreiber nicht nur im Geschäft mit Touristen, sondern auch in Zusatzdiensten.
Jeder kennt sie, die Telefonzellen. Aber wer denkt noch dran? Die Handys kamen, die Zellen gingen. Jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung. Doch die täuscht. Wenigstens ein bisschen: Zwar wurden viele Fernsprecher abgebaut, aber seit ungefähr 2005 nimmt ihre Zahl wieder zu. Erst sprunghaft, nun langsamer, aber doch stetig. Hauptanbieter ist die Deutsche Telekom. Das Unternehmen unterhalte derzeit "knapp über 100.000" öffentliche Fernsprecher in Deutschland, sagte Firmensprecher Jürgen Will gegenüber heise online. "Von 2005 bis 2007 haben wir die Anzahl um zehn Prozent erhöht, und zwar bundesweit. Das zeigt, dass der Bedarf da ist."
Auch die Bundesnetzagentur bestätigt dies: "Ganz allgemein kann man sagen, dass die Anzahl im gesamten Bundesgebiet ansteigt", heißt es dort, "mancherorts bauen auch private Anbieter Telefonzellen auf". Der Grund für den Zellenzuwachs: "ausländische Gäste". Erstens ist für Touristen ein Telefonat in die ausländische Heimat vom öffentlichen Fernsprecher aus oftmals billiger als vom Handy. Zweitens muss man keine Markstücke mehr eintauschen, um hierzulande telefonieren zu können – Euromünzen trägt fast jeder Tourist mit sich herum: "Der Kleingeldfaktor fällt weg!" Telekom-Sprecher Jürgen Will weiß noch einen weiteren Vorteil des öffentlichen Fernsprechers im Vergleich mit dem Handy: "Das Festnetz hat gegenüber dem Mobilfunk Vorteile bezüglich der Sprachqualität", sagt er. Aber der Lärm drum herum? Wer schon einmal versucht hat, einen öffentlichen Fernsprecher am Bahnhof zu benutzen, wird von Sprachqualität nichts merken, weil er eh nichts hört. Aber: "Das würde auch mit dem Handy nicht klappen", meint Will.
Zumindest ein Telefonhäuschen würde auch im Bahnhofstrubel Ruhe bieten. Ein Häuschen aber ist teurer als eine Säule und wird daher seltener aufgestellt. Und es soll sich ja lohnen. Das tut es wohl auch. Was macht die Telekom mit öffentlichen Fernsprechern für einen Umsatz? "Einen guten ...", behauptet Jürgen Will und lacht ein bisschen, Zahlen will er aber nicht verraten, das hänge auch vom Standort ab. Und die Telekom hat gute Standorte besetzt, nicht gerade zur Freude der Konkurrenz. Christina Haberland macht das Marketing bei Teleruf. Das Unternehmen betreibt in Deutschland ungefähr 1.000 Fernsprecher, es sollen laut Homepage in den nächsten Jahren mindestens 5.000 Stück werden. Der regionale Schwerpunkt liegt mit derzeit etwa 500 Apparaten im Raum Köln, Bonn, im Ruhrgebiet und Koblenz, weitere 220 betreibt die Teleruf Nord in und um Berlin, und im Rest der Republik wird ein Franchise-System aufgebaut, bislang mit etwa 280 Telefonen. "Wir haben immer versucht, auf die Bahnhöfe draufzukommen", sagt sie, "aber das ist gar nicht so einfach". Da sitzt nämlich der magentafarbene Platzhirsch. Manchmal reicht's immerhin für den Platz vor dem Bahnhof, "wenn wir Glück haben", bemerkt Haberland; in Berlin stünden Teleruf-Fernsprecher zum Beispiel vor dem Hauptbahnhof und dem Bahnhof Zoo.
Telekommunikationsunternehmen können zudem nicht beliebig viele Fernsprecher in Stadt und Land verteilen: Man müsse Verträge mit der Stadt abschließen, und dort herrschten "teilweise Strukturen aus den alten Monopolzeiten", klagt Haberland. Und wenn nicht, werde es auch nicht unbedingt einfacher: "Die Städte sind ganz rigoros, die sind alle dabei, das Stadtbild zu verschönern." Wenn zum Beispiel ein Zigarettenautomat abgebaut worden sei, müsse dieser Standort danach oft frei bleiben. Aber nicht nur Bahnhöfe stellen attraktive Standorte dar. Touristen sind zwar gute Kunden, aber nicht nur sie: "Gut 70, teilweise 80 Prozent der Telefonate gehen in Mobilfunknetze", sagt Frau Haberland, "wir haben viele Handykunden". Dabei handele es sich erstens um Kinder und Jugendliche, deren Prepaidkarte leer ist, zweitens um Leute, die in fremde Netze telefonieren wollten, und drittens um sozial schwächer Gestellte, die einfach kein Handy und womöglich auch keinen Festnetzanschluss besäßen.
Teleruf sieht die Zukunft der Fernsprecher etwas kritischer als die Telekom, auch wegen der Callshops, "die in den letzten zehn Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind". Und der wichtigste Markt seien nun einmal die Auslandsgespräche. "Aber warum sollen die Leute nicht von Telefonzellen aus ins Ausland telefonieren, wenn da die richtigen Preise sind", meint Haberland. Neben der Preispolitik bilden Zusatzfunktionen eine weitere Verdienstmöglichkeit: Neuere Apparate seien etwa SMS-fähig.
Alles in allem ist das Geschäft mit öffentlichen Telefonzellen nicht gerade einfach. Die ByTel Kommunikation GmbH, die unter anderem auch öffentliche Fernsprecher anbot, hat Ende Januar dieses Jahres Insolvenz angemeldet. Und Konkurrent Spectrum Interactive GmbH musste am 30. Juni 2007 die Entscheidung der Mutter, der börsennotierten AG aus Großbritannien, schlucken, dass man in den deutschen Payphone-Markt deinvestiere. Der öffentliche Fernsprecher hat aber seine Nische gefunden und gedeiht. Diese Erfahrung macht man nicht nur bei der Telekom und bei Teleruf, sondern auch bei Gekartel. Das kleine Unternehmen mit seinen zehn Mitarbeitern hat sich auf multimediale Telefonzellen spezialisiert, die es vermietet und verkauft. Für Internet-Terminals hat Gekartel einen Exklusiv-Vertrag mit der Bundeswehr. Vorstand Klaus Schäfer sieht durchaus einen Fernsprechmarkt mit Zukunft: "Ich verweise da nur auf Japan – wenn man da durch die Fußgängerzone geht, sieht man Zellen mit GSM-Anschluss. Das sind Märkte, die uns voraus sind oder waren", meint er. Außerdem sehe eine Zelle einfach schick aus, manch ein Unternehmen stelle sie als Werbeobjekt aus. Schäfer schmunzelt: "Was lustig ist: Seitdem es keine mehr gibt, merken wir, dass die Bevölkerung die klassische Telefonzelle vermisst!" (Ulrike Heitmüller) / (jk)