Operation am eigenen Fleisch

Sieben US-Internetkonzerne verlangen einschneidende Schritte, um die staatlichen Spähprogramme zurückzudrängen. Interessanter als diese Botschaft ist allerdings, dass sie fast sieben Monate auf sich warten ließ.

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Von
  • Robert Thielicke

Sieben US-Internetkonzerne verlangen einschneidende Schritte, um die staatlichen Spähprogramme zurückzudrängen. Interessanter als diese Botschaft ist allerdings, dass sie fast sieben Monate auf sich warten ließ.

„Die unterzeichnenden Unternehmen sind überzeugt, dass es für die Regierungen weltweit an der Zeit ist, die Praktiken und Gesetze der staatlichen Überwachung von Individuen und deren Zugang zu Informationen zu überdenken.“ Es sind große Worte, die AOL, Yahoo, Google, Facebook LinkedIn, Microsoft und Twitter in ihrem offenen Brief bemühen. Und es soll nicht bei Worten bleiben: Kürzlich gab Microsoft bekannt, sich vor Gericht gegen die Ausspähung seiner im Ausland gesicherten Daten zu wehren. Google und Yahoo wollen folgen. Toll, oder?

Warum aber haben die Firmen sieben Monate gebraucht, um sich in dieser Deutlichkeit und mit dieser öffentlichen Wirkung zu äußern? Die Antwort findet sich in einem kleinen Worttausch, schnell im obigen Satz vorgenommen, aber weitreichend in seiner Wirkung: Einfach das Wörtchen „staatlich“ durch „privat“ tauschen. Was die NSA im Auftrag der Sicherheit unternimmt, machen die Internetkonzerne, um Geld zu verdienen. Sie sammeln Daten und werten sie aus. Das glückt ihnen längst nicht so gut wie den US-Behörden, aber im Willen, immer mehr zu bekommen, dürften sie sich von den Geheimdiensten kaum unterscheiden.

Wenn Internetfirmen also derart offen die Sammelwut der staatlichen Stellen kritisieren, riskieren sie, rasch selbst am Pranger zu stehen. Dem offenen Brief dürfte also ein heftiger Kampf hinter den Kulissen vorausgegangen sein. Und genau darin liegt wohl der Grund für die langsame Reaktion. Sieben Monate lang hatte man gehofft, die Aufregung würde sich legen. Nun scheint die Angst gesiegt zu haben, das Vertrauen seiner Nutzer zu verlieren. Denn langsam zeichnen sich die Folgen der NSA-Affäre für die US-amerikanische Internetwirtschaft ab. Nur neun Prozent der Deutschen beispielsweise sind noch davon überzeugt, dass ihre Daten bei den US-Internetriesen sicher aufgehoben sind, so jedenfalls eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung GfK von Mitte November. Auch die Firmen sind nervös. Anbieter von IT-Sicherheitstechnologien berichten von steigenden Anfragen. Immer häufiger taucht bei Cloud-Lösungen der Hinweis auf, dass die Daten in Deutschland oder zumindest in Europa gespeichert würden.

Das sind kleine Signale. Die nationale Cloud, von der Telekom so vehement propagiert, ist sogar ein Irrlicht und kein Ausweg. Aber die Entwicklung zeigt: Den US-Riesen geht das Vertrauen verloren. Ist es erst einmal weg, können selbst Google und Facebook stolpern. Denn in der Digitalwirtschaft ist man schnell oben – und schnell wieder unten. Machen wir also genau das, wovor sich die Konzerne fürchten: Reden wir nicht nur über den Staat, sondern genauso über die Privatfirmen. Und reden wir darüber, dass nicht nur die Staaten ihre Regeln ändern müssen – sondern auch die Firmen, die gerade so vehement in Brüssel gegen das neue EU-Datenschutzpaket protestieren. (rot)