Strom aus Strömung
Zwischen dem schottischen Festland und den Orkney-Inseln beginnt der Bau des weltweit größten Gezeitenkraftwerks.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Zwischen dem schottischen Festland und den Orkney-Inseln beginnt der Bau des weltweit größten Gezeitenkraftwerks.
Der Atlantik im Norden Schottlands ist für raues Wetter bekannt. Aber nicht nur die Stürme sind hier kraftvoll, sondern auch die Gezeiten. In der Meerenge Pentland Firth muss das Wasser durch einen etwa 13 Kilometer engen Flaschenhals zwischen dem schottischen Festland und den Orkney-Inseln strömen. Dabei erreicht es Geschwindigkeiten von 18 Kilometern pro Stunde. Dieser Ort gilt daher weltweit als der beste für Gezeitenkraftwerke, folgerichtig soll hier das größte seiner Art entstehen.
2014 wird das schottische Unternehmen MeyGen – seit Kurzem eine hundertprozentige Tochter des Turbinenherstellers Atlantis Resources aus Australien – mit dem Bau einer Demonstrationsanlage beginnen. Die dafür eingeplanten sechs Turbinen mit einer Gesamtleistung von neun Megawatt (MW) werden dann ein Jahr später am Boden der Meerenge montiert. Sie werden 22 Meter hoch sein und einen Rotordurchmesser von 18 Metern besitzen.
Bis 2020 soll die Anlage auf 86 MW ausgebaut werden. Damit ließen sich dem "Guardian" zufolge 40 Prozent der schottischen Haushalte mit regenerativer Energie aus dem Meer versorgen. Das Fernziel liegt bei 398 MW. Dann würde MeyGen das derzeit größte Gezeitenkraftwerk von La Rance in Frankreich mit 240 MW überflügeln. Was das neue Kraftwerk kosten wird, will das Unternehmen nicht sagen. Ebenso muss sich zeigen, welche Wartungskosten entstehen werden.
Einer Studie der University of Oxford zufolge wäre sogar eine Gesamtleistung von 1,9 Gigawatt möglich, würde die gesamte Breite des Pentland Firth ausgenutzt. Dafür berechneten die Wissenschaftler um Thomas Adcock eine ideale Verteilung der Gezeitenturbinen. Die könnte aber schwierig werden, denn die Erschließung der Meerenge liegt nicht in einer Hand.
Neben MeyGen haben drei weitere Unternehmen eine Lizenz von der englischen Regierung erworben – die sich für eine maximale Ausbeute sorgfältig abstimmen müssten: ScottishPower Renewables und Marine Current Turbines wollen jeweils eine Anlage mit 100 Megawatt aufbauen, SSE Renewables und OpenHydro planen gemeinsam ein Kraftwerk mit 200 Megawatt. Die Gefahr für die Meeresbewohner ist zumindest nach Meinung von Thomas Adcock gering. "Meeressäuger sind schlau genug, sie zu vermeiden. Die Turbinen bewegen sich ziemlich langsam, selbst im Vergleich zu einem Robben-Baby", sagte der Ingenieur. (vsz)