Aus dem Zimmer frisch auf den Tisch

Industrielle Hydrokulturen entwickeln sich in Japan immer mehr zum massentauglichen Modeartikel. Selbst große Konzernriesen wie Panasonic prüfen den Verkauf von Mini-Gewächshäusern fürs Heim.

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Von
  • Martin Kölling

Industrielle Hydrokulturen entwickeln sich in Japan immer mehr zum massentauglichen Modeartikel. Selbst große Konzernriesen wie Panasonic prüfen den Verkauf von Mini-Gewächshäusern fürs Heim.

In Asiens Riesenmetropolen ist der Traum vom eigenen Garten für viele Menschen stets ebendies gewesen: ein Traum, und ein unerfüllbarer obendrein. In einer Stadt wie Tokio, in der sich viele der neun Millionen Einwohner der städtischen Bezirke sich ohnehin nur handtuchgroße Grundstücke oder Eigentumswohnungen in riesigen Wohntürmen leisten können, ist nahrungsmitteltechnisch bebaubares Land rar. Selbst in den Außenbezirken oder den Vorstädten der größten Mega-City der Welt reicht der Platz nicht für Schrebergärten, sondern allenfalls drei mal drei Meter große Parzellchen auf öffentlichem Land. Doch moderne Technik verspricht Abhilfe: Immer mehr Firmen bieten kleine Mini-Gewächshäuser an, in denen die Bewohner ohne sich schmutzige Hände zu holen in einer Nährstofflösung und unter LED-Licht ihren eigenen Salat ziehen können.

Die dazugehörige Technik ist ein Abfallprodukt der großindustriellen Salatzucht, die in Japan immer weiter um sich greift. Besonders in der 2011 vom Tsunami verwüsteten Küstenregion investieren einige Städte in den Gemüseanbau unter Reinraumbedingungen, um den Appetit der urbanen Massen nach Blattgrün zu stillen. Doch waren die bisherigen Bonsai-Gewächshäuser für den Privatgebrauch eher ein billiger Abklatsch, hat eine kleine Abteilung des Großkonzerns Panasonic nun ein Designerstück entwickelt, das höchsten technischen Ansprüchen genügt.

"Ein smartes Leben mit dem heimischen Hightech-Garten" verspricht Masatoshi Miyaki von der Eco Solutions Division bei Panasonic, der das Produkt im Zusammenhang mit einem Forschungsvorhaben am Campus der Chiba-Universität in einem der ehrgeizigsten Smart-City-Prototypen der Welt "Kashiwa-no-ha" entwickelt hat. Und das Möbelstück kann sich wirklich sehen lassen. Der 85 cm und 60 cm breite weiße Quader kommt mit wohl gerundeten Ecken und zwei großen Klappfenstern daher. Rollen sorgen dafür, dass er in der Wohnung mobil bleibt. In Helligkeit und Farbton verstellbare LEDs erlauben es, nach diversen Programmen diverse Salate optimal angepasst wachsen zu lassen.

Dabei handelt es sich bei dem Sonnenersatz aus dem Halbleiter nicht um billige Funzeln, die bisher oft in billigere Mini-Gewächshäuser eingebaut wurden, sondern, wie es sich für einen ambitionierten Großkonzern gehört, um computergesteuerte, helle Strahler. Während Blattgemüse in der Natur 90 Tage bis zur Ernte braucht, schafft es der Salatkopf vom Setzling bis zum Verzehr so in 20 Tagen. Auch der Weg vom Pflücken bis in Schüssel oder die Pfanne ist rasanter als beim Produkt aus dem heimischen Garten, da der Koch dank des erdfreien Anbaus weder das Gemüse noch die eigenen Hände waschen muss. Für Vielfalt auf der Speisekarte ist ebenfalls bereits gesorgt: Inzwischen gibt es schon Programme für rund dreißig Kräuter und Salate von der Rauke bis zum Senfspinat. Und ans Internet kann man das Gerät theoretisch natürlich auch noch anschließen.

Doch nicht nur für die global vernetzten urbanen Frischefetischisten verspricht die Idee einen Gewinn an Lebensqualität, sondern auch für die Kassen der Konzerne. Die Unternehmen können sich mit den Kunden vernetzen, Gemeinschaften bilden und so in Kontakt bleiben und nebenbei wie Druckerhersteller beim Verkauf von Tinte oder Toner durch den Vertrieb von genau abgestimmten Nährlösungen regelmäßig weiter Kasse machen.

Doch bis der Salatbauer in technisch ausgereifter Manier sozusagen dem Gras beim Wachsen zuhören und zusehen kann, vergeht wohl noch ein Weilchen. Denn noch handelt es sich bei Miyakis Gemüseinkubator um einen Prototypen. Zudem dürften die Geräte und der Betrieb zumindest anfangs so teuer sein, dass man schon sehr lange daheim Gemüse ziehen müsste, bis es sich wirtschaftlich rechnet.

Dennoch würde ich es begrüßen, wenn das Produkt in den Handel käme. Denn das frische Grün empfinde ich als mindestens ebenso entspannend wie ein Aquarium mit Fischen. Darüber hinaus haben Salate aus dem Glasquader gegenüber Guppis aus dem Aquarium den Vorteil, dass man sie essen kann. (bsc)