Willkommen in der Matrix
Smartwatches, Google Glasses, kommunizierende Autos, smarte Städte, Industrie 4.0, Cloud Computing und die NSA: Alles wird vernetzt. 2013 könnte als das Jahr in die Technologiegeschichte eingehen, in dem wir in die Matrix eingetreten sind.
- Robert Thielicke
Smartwatches, Google Glasses, kommunizierende Autos, smarte Städte, Industrie 4.0, Cloud Computing und die NSA: Alles ist vernetzt. 2013 wird als das Jahr in die Annalen der Technologiegeschichte eingehen, in dem wir in die Matrix eingetreten sind.
Rechner denken, Daten lenken. Mit Google Now kann sich das Smartphone so auf seinen Benutzer einstellen, das es ihm Tipps für die nächsten Schritte im Alltag geben kann. Es weiß beispielsweise, wann der nächste Termin ansteht, wo er stattfinden wird und wie sein Nutzer am besten dorthin kommt. Gibt es einen Stau, schlägt er vielleicht die U-Bahn vor. Ist er mit dem Auto unterwegs, schlägt sein Smartphone vor, wo er parken kann. In San Francisco etwa sind dazu Sensoren in den Asphalt eingelassen, die melden, wo Plätze frei sind. In Deutschland testet die Firma SchlauerParken nach eigenen Angaben in Hamburg und München ein System, das auf Videoanalysen basiert. Ist man am Arbeitsplatz angekommen, öffnet sich die Tür zum Bürogebäude wie von alleine, weil das Smartphone den richtigen Code ans Schloss gesendet hat.
Das alles und weitere Beispiele dieser Art gibt es schon jetzt, vieles davon nicht erst seit diesem Jahr. Aber 2013 markiert den Zeitpunkt, an dem die Technologien in der breiten Öffentlichkeit angekommen sind. Das Internet der Dinge ist keine Vision mehr, sonden Realität. Und wir stehen erst an seinem Anfang. Die Sensoren werden billiger, die Rechner kleiner, die Funktionen mehr. Computerkapazität wandert in Fenster und Schuhe, in Tische und Gehwege. PCs entwickeln sich zu Brillen und Uhren, anschließend zu Fingerringen.
Noch steht diese Entwicklung vor zwei großen Hindernissen: Zum einen ist die Stromversorgung ein Problem, denn Akkus sind nach wie vor recht sperrig. Zum anderen ist die Bedienung dieser Kleinst-Gagdets ungelöst. Aber es gibt keinen technischen Grund, warum sich beide Hindernisse nicht überwinden lassen sollten: Warum die Batterien nicht noch kleiner werden und die Bedienung nicht über Sprachbefehle oder Gestensteuerung zuverlässig gelingen sollte – oder mit einem Augenzwinkern wie künftig bei der Google Glass. Hinzu kommt: Der Mensch wird als unmittelbarer Bediener für einen Großteil des Geschehens gar nicht mehr nötig sein. Die Gegenstände und Maschinen kommunizieren selbst miteinander.
Wenn diese Schritte erfolgt sind, werden die Veränderungen tiefgreifend sein: Die Grenze zwischen digitaler und physischer Welt verschwindet, weil jene Geräte verschwunden sind, die sie gezogen haben. So, wie heute schon Wlan oder Bluetooth das Datenkabel unsichtbar gemacht haben, so werden bald auch die Endgeräte nicht mehr wahrnehmbar sein. Das, was heute nnoch als Computer auf dem Schreibtisch steht, wandert in Rechenzentren und damit aus dem Blickfeld der allermeisten Menschen. Die Algorithmen verrichten in einer Wolke ihr Werk. Das Digitale wird uns umgeben wie heute die Elektrizität: Produziert in weit entfernten Kraftwerken, geliefert in jeden Haushalt, nahezu allgegenwärtig und so prägend, dass ein Leben ohne es nur noch schwer vorstellbar ist.
In modernen Autos ist das bereits in überraschendem Ausmaß Realität: Niemand wird einen BMW oder Mercedes als Computer bezeichnen und niemand wähnt sich dort als Teil eines Datennetzes. Aber genau das ist man. Die Fahrzeuge senden Informationen, ohne dass der Fahrer dafür jemals einen "Jetzt senden"-Knopf gedrückt hat. Sie landen bei Versicherungen, die aus ihnen ihre Tarife berechnen. Jeder Fahrer ist damit nicht nur auf der Straße präsent, sondern auch im Analyseprogramm eines Rechenzentrums. Früher musste man ziemlich physisch einen Unfall bauen, um hochgestuft zu werden. Heute reichen Fahrgewohnheiten, die einem wahrscheinlich nicht einmal bewusst sind. Die gleiche Entwicklung kommt in der Gebäudetechnik oder im Gesundheitswesen.
"Wir werden nie mehr Offline sein", prophezeite mir Gesche Joost von der Universität der Künste Berlin, im Wahlkampfteam von Peer Steinbrück für die vernetzte Gesellschaft zuständig. Wir werden durch die Welt gehen wie heute durch den Sensorbereich eines Bewegungsmelders: Erfasst, analysiert und mit der nötigen Dienstleistung versorgt.
Das wird zu Teilen angenehm sein, weil wir uns um viele Routinen schlicht nicht mehr kümmern müssen. Weil wir beispielsweise die Zeit bei der Parkplatzsuche sparen, Freunde von Ferne in die Wohnung lassen oder bei einem Notfall jederzeit Hilfe rufen können. Wir werden das digitale Netz nutzen wie heute den Strom. Es wird sich jedoch auch seltsam anfühlen, weil wir oft nicht sicher sein können, mit wem wir genau interagieren: mit einer Maschine oder einem Menschen? Bekomme ich Geburtstags-Glückwünsche von meiner Frau - oder von ihrem Smartphone, weil meine Frau die Glückwunsch-Automatik aktiviert hat? Es wird nervig, weil die Maschinen zu oft alles besser wissen – wie die Autokorrekturfunktion von Word. Und es kann gefährlich werden, weil wir so nackt dastehen wie nie zuvor.
Dennoch wird die Vernetzung kommen. Für viele Menschen ist die Bequemlichkeit schlicht größer ist als die Angst, und den Firmen winken ordentliche Gewinne. Irgendwann in naher Zukunft werden wir uns daher irritiert eine große Frage stellen: Was ist Schicksal? Was ein Computerprogramm? Und vor allem: Was ist der Unterschied? (rot)