"Das Gehirn wird in den Automatik-Modus versetzt"

Der Autor Charles Duhigg ĂĽber die Frage, warum sich menschliche Gewohnheiten so schwer abstellen lassen.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Udo Flohr

Der Autor Charles Duhigg ĂĽber die Frage, warum sich menschliche Gewohnheiten so schwer abstellen lassen.

Duhigg ist Buchautor ("Die Macht der Gewohnheit: Warum wir tun, was wir tun", Berlin Verlag) und Reporter bei der "New York Times".

Technology Review: Herr Duhigg, wie oft folgen wir unseren Gewohnheiten?

Charles Duhigg: Öfter, als wir glauben. Das meiste von dem, was wir täglich tun, mag sich wie das Ergebnis sorgfältiger Entscheidungs-findung anfühlen, ist es aber nicht. In einer Studie fanden Wissenschaftler der Duke University beispielsweise heraus, dass wir über 40 Prozent unserer alltäglichen Handlungen aus Gewohnheit machen. Dazu gehört etwa, ob Sie nach dem Aufstehen zuerst unter die Dusche hüpfen oder sich zunächst einen Müsliriegel schnappen. Ob Sie die Zähne vor oder nach dem Duschen putzen.

TR: Entstehen "gute" und "schlechte" Gewohnheiten auf die gleiche Weise?

Duhigg: Ja, jede Gewohnheit – einfach oder komplex, gut oder schlecht – hat die gleiche Struktur, die wir "Gewohnheitsschleife" nennen. Sie beginnt mit einem Auslösereiz, der Ihr Gehirn in den Automatik-Modus versetzt. Es folgt eine – körperliche, mentale oder emotionale – Routine. Schließlich gibt es eine Belohnung.

TR: Können Sie uns ein Beispiel dafür geben?

Duhigg: Das gilt sogar fürs Nägelkauen. Studien haben gezeigt, dass sich Nervosität oder Langeweile durch den kurzen Schmerz beim Kauen überdecken lassen. Obwohl das nur eine Sekunde anhält – und kontraintuitiv ist –, reicht es zur Bildung einer Gewohnheit.

TR: Warum sind schlechte Gewohnheiten so mächtig und so schwer loszuwerden?

Duhigg: Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen guten und schlechten Gewohnheiten. Es gilt eine goldene Regel: Es ist nicht möglich, sie wirklich auszumerzen. Aber Sie können Gewohnheitsschleifen ändern. Dafür müssen Sie eine neue Routine einsetzen, auch wenn das leichter gesagt als getan ist. Die neue Routine muss direkt nach dem alten Reiz folgen, und die Belohnung die gleiche bleiben, dann lässt sich fast jedes Verhalten ändern.

TR: Wenn ich also mit dem Rauchen aufhören möchte...

Duhigg: ...dann fragen Sie sich: Tue ich das, weil mich Nikotin stimuliert, weil es meinen Tag strukturiert oder aus Geselligkeit? Geht es etwa um die Stimulation als Belohnung, erleichtern Koffein, ein Nikotinpflaster oder ein paar Liegestütze das Aufhören.

TR: Klingt anstrengend. Muss ich jede schlechte Gewohnheit einzeln abarbeiten?

Duhigg: Nicht unbedingt. Es gibt sogenannte Schlüsselgewohnheiten, die Kettenreaktionen im Leben eines Menschen auslösen können. Ein gutes Beispiel ist Fitnesstraining. Fangen wir an zu trainieren, sei es auch nur einmal pro Woche, dann ändern sich häufig andere Muster. Zum Beispiel essen wir gesünder oder kommen früher zur Arbeit. Wir rauchen weniger oder werden geduldiger. Manche Menschen gehen sogar besser mit Geld um. Warum das so ist, ist noch nicht vollständig geklärt. (bsc)