Zimmer unter Wasser
Seit zehn Jahren knobeln zwei deutsche Entwickler am ersten Unterwasserhotel der Welt. 2014 könnte es endlich gebaut werden.
- Marcel Grzanna
Seit zehn Jahren knobeln zwei deutsche Entwickler am ersten Unterwasserhotel der Welt. 2014 könnte es endlich gebaut werden.
Der deutsche Schiffbauingenieur Andreas Hallier fordert einen alten Griechen heraus. Archimedes heißt sein Gegner. Er hat der Welt vor 2200 Jahren erklärt, weshalb Stahl auf Wasser schwimmen kann: Wenn ein Körper im Verhältnis zu seinem Volumen weniger wiegt als Wasser, entsteht eine Auftriebskraft, die ihn an der Oberfläche hält. Daran ist nicht zu rütteln. Doch genau dieser Auftriebskraft möchte Hallier trotzen. Die naheliegende Lösung, einen Schwimmkörper einfach mit ausreichend Ballast zu füllen, ist für Hallier keine Option, denn er arbeitet am ersten Unterwasserhotel der Welt. Und ein Hotel, dessen Räume voller Ballast sind, ist kein Hotel mehr.
Die Idee stammt von Joachim Hauser, Industriedesigner aus Bitterfeld. Der 65-Jährige war 1999 Mitglied einer Forschungsmannschaft des einstigen Raumfahrtkonzerns DASA, die an einem Hotel im Weltall arbeitete. Daraus wurde bisher bekanntlich nichts. Aber das Projekt inspirierte Hauser dazu, Touristen stattdessen unter der Meeresoberfläche zu beherbergen. Mit 100.000 Franken gründete er die Underwater World Resort AG mit Sitz in Zug in der Schweiz, um sein Modell zu realisieren. Mitte 2014 soll der gigantische Bau beginnen. Die Kosten des Projekts sind auf 180 Millionen Dollar veranschlagt und werden von einer chinesischen Investorengruppe gestemmt. Als Standort war zunächst die Küste der chinesische Tropeninsel Hainan im Gespräch, jetzt ist nur noch allgemein vom "südchinesischen Meer" die Rede. Wo auch sonst? Durch architektonische Bescheidenheit hat sich China in den vergangenen Jahren schließlich selten hervorgetan.
Der Unterwasser-Bau besteht aus einem ringförmigen Schwimmkörper, der fest am Boden verankert wird. Er soll zu zwei Dritteln unter Wasser liegen und Platz für mehrere Hundert Gäste bieten. Großzügige Fenster in einer Tiefe von etwa 14 Metern eröffnen ihnen einen Blick auf die Unterwasserwelt. Hallier musste dafür ein System entwickeln, das dem Auftrieb entgegenwirkt, aber noch genügend Raum für Zimmer, Restaurant, Küche und Spa übrig lässt. Im Auftrag von Hauser tüftelte Hallier mehr als zehn Jahren lang an diesem Problem, inzwischen sieht er sich selbst als Teil des Projekts. Das Design des Hotels ist mit etlichen Rechenvorgängen optimiert worden. Nun brauchen nur noch rund 23 Prozent des Volumens unter Wasser mit Ballast gefüllt zu werden, damit es in der gewünschten Wassertiefe schweben kann.
Wie genau ihm dieses Kunststück gelingt, fasst der Ingenieur so zusammen: "Wir spielen mit unterschiedlichen Dichten." Zum Einsatz kommen unter anderem schwere Feststoffe wie Erz, Sand, Granit oder Split als Ballast. Was genau Hallier verwendet, verrät er allerdings nicht.
Hilfreich ist auch, dass die Konstrukteure massiven Stahl verwenden können, anders als etwa beim Bau von Kreuzfahrtschiffen. Ihr Hotel muss keine Fahrt aufnehmen, seine Masse muss also nicht energieaufwendig beschleunigt werden. Zusätzliches Gewicht liefern große Wassermengen in doppelten Böden, vertikalen Schächten – und ein riesiges gefülltes Innenbecken, das Herzstück des Hotels. Sein Wasserspiegel liegt einige Meter über dem Meerespegel. Genutzt wird das Innenbecken als Aquarium. So besitzen auch die Hotelzimmer am inneren Rand des Rings einen Meerblick, wenn auch nur in eine künstlich angelegte Unterwasserwelt. Begehbare Kanäle führen in Hohlräume im Innenbecken. Dort können beispielsweise Wellness- oder Hydrotherapiebereiche untergebracht werden, in denen Gäste mit einem Rundumblick ins Aquarium mit Wassergüssen, Bädern und Dampf behandelt werden. Soll das Hotel zur Wartung auftauchen, fließt das Wasser aus dem Innenbecken über Ventile ins Meer.
Den alten Archimedes hätten Hallier und Hauser auch anders austricksen können: Indem sie das Hotel in den Ozeanboden einbetonieren. Bei einem ähnlichen Projekt in Dubai vor einigen Jahren war das tatsächlich der Plan. Es wäre allerdings dreimal so teuer geworden wie das chinesische Modell. Die Finanzierung platzte, das Vorhaben versickerte im arabischen Sand – sehr zur Freude der Umweltschützer. Denn die Baustelle am Grund schädigt das Ökosystem und vertreibt die Meeresbewohner.
In China hingegen wird der Schiffskörper mit der sogenannten Swivel-Technik befestigt – eine klassische Offshore-Technik, die auch bei Ölplattformen Anwendung findet. Schlepper ziehen dafür acht je 15 bis 20 Tonnen schwere Stahlanker über den Seeboden, der an dieser Stelle in etwa 20 Metern Tiefe liegt. Die Anker graben sich dabei selbst in den Untergrund. Sie hinterlassen sehr viel geringere Schäden am Meeresboden als feste Fundamente oder Bohrlöcher. Die Anker müssen das Hotel-Modul nur horizontal auf Position halten – durch Halliers Ingenieurskunst ist es so ausbalanciert, dass es auch ohne Anker in der richtigen Wassertiefe bleibt. Außerdem besitzt es genügend Spielraum, sich selbst nach Wind und Strömung auszurichten. Im Vergleich zu fest einbetonierten Fundamenten ist die Swivel-Technik auch deutlich preiswerter. Schiffbauer Hallier kennt sich mit ihr bestens aus – er verantwortete bis 2001 den Bau der gigantischen Ölplattform Stena Don in Warnemünde.
"Ziel ist es, den Körper in das Meeresleben zu integrieren", sagt Designer Hauser. Lärm soll es praktisch keinen geben, außer von den Booten, die Hotelgäste chauffieren. Lichtinstallationen bestrahlen die Unterwasserwelt in einem bestimmten Lichtspektrum, das eigens mit Meeresbiologen ausgetüftelt wird. Gewisse räumlich begrenzte Dunkelzonen sollen verhindern, dass Tiere und Pflanzen Schaden erleiden. Der Schwimmkörper soll im Laufe der Jahre wie ein gesunkenes Wrack mit Moos und Muscheln zuwachsen und so zu einem eigenen Unterwasser-Biotop werden. Das wiederum zieht Fische an und soll den Blick unter Wasser zu einem abenteuerlichen Erlebnis machen – so jedenfalls die Hoffnung.
Wem es zu unheimlich wird in der Tiefe, der kann jederzeit frische Luft schnappen. Über dem Wasserspiegel gibt es Sonnendecks und Einkaufsmöglichkeiten. Im Falle eines Wassereinbruchs versorgt ein Atemgassystem die Gäste mit Sauerstoff. Hierzu sind im gesamten Bordbereich Anschlüsse installiert, an denen Luft gezapft werden kann. In den Kabinen gibt es Atemmasken wie an Bord eines Flugzeugs. Selbst wenn das gesamte Hotel etwa durch ein Leck auf den Meeresgrund sinken sollte, würde oberhalb des Wasserspiegels genug Fläche für die Gäste bis zur Rettung übrig bleiben. Bei einem Taifun allerdings wird evakuiert.
Vier Werften kommen für den Bau infrage, darunter zwei deutsche. Der Standort Deutschland wäre Designer Hauser am liebsten, weil die Wege für die Entwickler kürzer sind und auch die Sicherheitsstandards durch eine deutsche Klassifizierungsgesellschaft, den Germanischen Lloyd, gesetzt und geprüft werden. Nach seiner Fertigstellung soll das Hotel entweder durch den Ozean vorbei am Kap der Guten Hoffnung bis ins Südchinesische Meer gezogen oder auf einem Trägerfrachter transportiert werden. Dieses Schiff funktioniert ähnlich wie ein Trockendock: Es liegt in Teilen unter Wasser, damit das Hotel hineinschwimmen kann, taucht anschließend auf und schultert das Modul. Liegt es dann schließlich vor der Küste, können sich Gäste für 850 Dollar pro Nacht einmieten, zumindest in der günstigsten Variante. Die exklusivsten Suiten dagegen kosten über 10000 Dollar. Noch fehlt allerdings eine Kleinigkeit: das grüne Licht der chinesischen Behörden. (bsc)