Bakterien als Medikamente
Mikroorganismen in Pillenform könnten in einigen Jahren Menschen helfen, die an schwer zu behandelnden Krankheiten leiden.
- Susan Young
Mikroorganismen in Pillenform könnten in einigen Jahren Menschen helfen, die an schwer zu behandelnden Krankheiten leiden.
Joghurtfreunde wissen bereits seit langem, dass Bakterienkulturen nicht immer schlecht für den Menschen sind. Einige der Mikroorganismen sind im Körper so bedeutsam für unseren Gesundheitszustand, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft auch zu Heilungszwecken eingesetzt werden könnten – in einer Pille würden dann statt Pharmawirkstoffen Mikroben stecken.
Die US-Firma Seres Health will nun die ersten klinisch zugelassenen Bakterienmedikamente entwickeln, mit denen sich Krankheiten behandeln lassen, die sonst nur schwer zu heilen sind. Das Unternehmen ging im November mit 10,5 Millionen Dollar an Investitionsmitteln an den Start. Seine GrĂĽnder arbeiten bereits seit zwei Jahren an Bakterienpillen und sind bereits dabei, einen ersten Medikamentenkandidaten an Patienten zu erproben.
Neue Forschungsergebnisse im Bereich des Mikrobioms, also der Gesamtheit aller den Menschen besiedelnden Mikroorganismen, haben in letzter Zeit zu einer kleinen Gründungswelle geführt. Sowohl Start-ups als auch große Pharmafirmen schauen sich den Sektor an. Während einige Forscher planen, das Mikrobiom kranker Menschen medikamentös "zurückzusetzen", will Seres stattdessen gleich lebende Bakterien verabreichen.
In den letzten Jahren gab es großangelegte Mikrobiom-Studien, die unter anderem von den amerikanischen National Institutes of Health durchgeführt wurden. Sie zeigen, dass im Körper eines gesunden Menschen rund 10.000 verschiedene Mikroorganismen beheimatet sind. Auf eine einzige menschliche Zelle kommen demnach 10 Mikroben. Forscher konnten außerdem zeigen, dass das Mikrobiom den Gesundheitszustand teilweise signifikant beeinflusst und die Veränderung der Bakterienkulturen beispielsweise Magen-Darm-Infektionen heilen sowie Entzündungen oder schweres Übergewicht mildern kann. Im Tierversuch an Mäusen wurde zudem gezeigt, dass bestimmte Bakterien vor Diabetes schützen.
"Wir beginnen erst jetzt, zu erkennen, welche groĂźe Rolle das Mikrobiom in unserem Leben, fĂĽr unsere Gesundheit und bei Erkrankungen spielt", meint David Berry, Chef von Seres Health.
Die Firma will zunächst das Mikrobiom gesunder Menschen mit dem von Personen mit bestimmten Erkrankungen vergleichen. Dazu wird nicht nur eine Liste der im Darm lebenden Mikroorganismen erstellt, sondern auch erforscht, wie Teile des Mikrobioms untereinander und mit dem menschlichen Körper interagieren.
Selbst bei gesunden Menschen gibt es eine große Variationsbreite, was die sie besiedelnden Spezies anbetrifft. Doch das vollständige Mikrobiom-Ökosystem biete stets eine große Übereinstimmung in seiner Genetik, sagt Berry. Seres Health will daher die funktionale Rolle der Mikroorganismen untersuchen, um dann gegebenenfalls eine gestörte Balance wiederherstellen zu können – indem Mikroorganismen in den Körper gegeben werden, die fehlerhafte Vorgänge regulieren können.
Sollte das Start-up erfolgreich sein, könnte die Firma ganz neue Medikamente anbieten. "Wir reden hier nicht von neuen Chemikalien, die in Bottichen hergestellt werden", sagt Seres-Health-Mitbegründer Noubar Afeyan, der gleichzeitig Partner beim Risikokapitalunternehmen Flagship Ventures ist, das zu den Investoren gehört. "Wir sprechen hier über lebende Organismen, die den menschlichen Körper natürlich besiedeln."
Obwohl die Firma derzeit noch nicht angibt, welche Art von Bakterien sie verwenden will, soll es sich laut Firmenchef Berry nur um eine vergleichsweise geringe Anzahl handeln.
Die Behandlungen sollen aber fortschrittlicher als Kottransplantate sein, bei denen verdünnte Stuhlproben gesunder Personen einem kranken Patienten verabreicht werden. Solche Transplantate können unter anderem Patienten mit einer Clostridium-difficile-Infektion helfen, einer Magen-Darm-Erkrankung, der allein in Amerika jedes Jahr 14.000 Menschen zum Opfer fallen. C. difficile befällt Patienten oft, wenn ihnen Antibiotika für eine andere Krankheit gegeben wurden. Zwar heilen Kottransplantate hier teilweise die Betroffenen, doch Ärzte wissen nach wie vor nicht, welche Bakterien dafür verantwortlich sind. Entsprechend könnte es vorkommen, dass neben hilfreichen Mikroorganismen auch gefährliche verabreicht werden. Seres Health setzt dagegen auf reproduzier- und kontrollierbare Bakterienmischungen.
Das Start-up testet bereits eine Pille mit lebenden Bakterien gegen C. difficile. "Wir wissen, welche Organismen wir einsetzen", sagt Berry, "wir stellen diese in einer Form her, die für die Pharmaproduktion geeignet ist". Nur das erlaube die notwendige Qualität. Gearbeitet werde auch an Behandlungsformen für zwei Entzündungs- und Stoffwechselerkrankungen, bei denen Darmbakterien eine Rolle spielen. (bsc)