GlĂĽckstechnik aus Japan
In den USA zeigt die Konsumelektronikmesse CES gerade, wie das Digitale unser Leben erobert. Aber Japan zeigt, dass ein Bereich ganz bestimmt analog bleibt.
- Martin Kölling
In den USA zeigt die Konsumelektronikmesse CES gerade, wie das Digitale unser Leben erobert. Aber Japan zeigt, dass ein Bereich ganz bestimmt analog bleibt.
Die Digitalisierung des Lebens schreitet unaufhaltsam voran. Sogar der Aberglaube wird inzwischen bestens mit Horoskopen aus dem Internet bedient – selbst in Japan. Doch ein kleiner Bereich hat sich bisher selbst in der fortschrittlichsten mobilen Internet-Gesellschaft der Welt der Virtualisierung erfolgreich verweigert: das Beten und Bitten um Glück.
Als Zeugen dieser Behauptung dienen mir die neujährlichen Schlangen an shintoistischen Schreinen und buddhistischen Tempeln. Wie jedes Jahr drängten sich zum Jahreswechsel mehr als eine Million Besucher durch den Meiji-Schrein. Auch der Senso-Tempel im Tokioter Stadtteil Asakusa wurde wie andere berühmte Pilgerstätten drei Tage lang von Menschen überrannt, um bei den jeweiligen religiösen Autoritäten mit verschiedensten Techniken Glück und Gesundheit zu beantragen. Meine Erklärung: Das Digitale verdrängt analoge Vorbilder nur dann erfolgreich, wenn es mehr Bequemlichkeit liefert.
Die Reihe der Beispiele ist lang: Das sinnliche Erlebnis der Schallplatte reichte nicht aus, erst die CD, dann den Download und nun das Streaming zu verhindern. Das digitale Foto hat Film ebenfalls innerhalb weniger Jahre den Garaus gemacht. Auch dem Buch, dem Kino und der gedruckten Zeitung setzen die Ausbreitung digitaler Inhalte zu, obwohl die Verkaufs- und Besucherzahlen nahelegen, dass ihre sinnliche Erfahrung offenbar stärker ist als die von Musik. Aber das Internet kann selbst in seiner modernsten Form nicht das sinnliche Erlebnis eines Besuches an Schrein und Tempeln – und besonders die traditionellen Techniken zur Schicksalsverbesserung – ersetzen. Mein aktueller Besuch bei örtlichen religiösen Etablissements legte sogar nahe, dass mehr Menschen analog ins Neujahr gehen wollten.
Auch für mich fing das Jahr mit dem Schreinbesuch an. Weil mir die Menschenmassen an den populären Schreinen zuwider sind, stellte ich mich bei dem Kasai-Schrein in meinem Stadtteil Kanamachi an. Schon von Ferne grüßten die bunten Laternen durch die Stille der Nacht, die in Japan durch kein Böllern gestört wird. Auf dem Schrein-Gelände begann dann um Mitternacht die erste rituelle Glückstechnik.
In einem Lagerfeuer verbrannten die Besucher die Neujahrsglücksbringer des vergangenen Jahres. Kurz danach folgte der Geldwurf in die Kollekte und das Gebet vor dem Schrein. Danach zog ich mit den Massen zum Trinken eines heißen Amasake weiter und kaufte im Anschluss das Jahreshoroskop. Ich hatte Glück, denn es verhieß mir Glück und gab mir den Rat, im Krankheitsfall den Göttern und Ärzten zu vertrauen. Wenn es schlecht ausgefallen wäre, hätte ich es gleich an eine Stange binden können, um mein Schicksal zu wenden. Auf Wunsch wäre auch das Buchen einer Gebetssitzung mit den Priestern möglich gewesen.
Anschließend zog ich dann zum Tempel in meiner Nachbarschaft weiter, auf dessen Gelände noch mehr Trubel herrschte. Denn hier – an einem religiösen Ort, den man getrost Bondage-Tempel taufen könnte – kann der Besucher nicht nur Räucherstäbchen entzünden, sondern auch eine Boddhisattva-Statue glücksbringend mit Seilen fesseln und zu ihr beten – was natürlich auch etwas kostet. Dazu darf der Besucher gegen Zusatzgebühr sogar die bronzene Tempelglocke läuten.
Auch ein Horoskop hätte ich hier nochmals kaufen können. Ich investierte allerdings lieber 15 Euro in einen Daruma, der für mich der perfekte Glücksbringer ist. Bei einem Daruma handelt es sich um eine rote Pappmaché-Figur, die an ein Stehaufmännchen erinnert. Nach dem Kauf fast man einen guten Vorsatz oder denkt sich einen Wunsch und malt dann eines der beiden Kulleraugen mit einer schwarzen Pupille aus. Ist der Wunsch erfüllt, malt man das zweite aus und lässt den Daruma dann im Tempel verbrennen.
Damit ist das Ding eine nahezu perfekte Ermutigung, wirklich selbst am eigenen Glück zu arbeiten. Denn nun ermahnt mich das eine noch weiße Glubschauge täglich, meinen guten Vorsatz auch in die Tat umzusetzen – besser als jede E-Mail oder To-Do-App.
Wichtig dabei: In Japan kann man anders als bei den Christen den Göttern nicht zürnen, wenn ein Wunsch nicht erfüllt wird. Stattdessen gilt die Regel: Hilf dir selbst, so helfen dir die Götter. Und ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, wie das Internet diese Stimmung und diese Funktionen sinnlich genug ersetzen kann, um mich (oder sonst irgendjemanden in Japan) vom Schrein- und Tempelbesuch sowie deren analoge Glückstechniken abzubringen. (bsc)