Hände weg?

Während viele sich vor Roboterautos fürchten, legt eine Studie aus dem Flugverkehr nahe: Die wirkliche Gefahr der autonomen Systeme ist, dass Menschen das Fahren verlernen.

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Von
  • Robert Thielicke

Während viele sich vor Roboterautos fürchten, legt eine Studie aus dem Flugverkehr nahe: Die wirkliche Gefahr der autonomen Systeme ist, dass Menschen das Fahren verlernen.

Piloten scheint es heute bereits so zu gehen: Sieben Jahre lang hatten Experten der US-Luftaufsichtsbehörde FAA Abstürze und Beinah-Katastrophen analysiert und kamen zu einem beunruhigenden Schluss: Piloten würden spüren, dass ihre fliegerischen Fähigkeiten verkümmern. Sie würden sich manchmal zu sehr auf die Autopiloten-Systeme stützen und zögern, in den automatisierten Ablauf einzugreifen. Sie würden ihr Flugprogramm falsch programmieren. Michael Gillen, Trainingspilot bei United Airlines, wollte es genauer wissen und bat erfahrene Kollegen zu einem Test: Sie sollten ohne Computerhilfe alltägliche Manöver fliegen. Des Ergebnis: „In den Tests wurde in vielen Kategorien nicht einmal mehr der fliegerische Standard erreicht, den diese Piloten bei ihrem Lizenzerwerb einmal hatten.“ In der Summe ist Fliegen dennoch sicherer geworden, weil der Gewinn der Automatisierung größer ist als der Schaden. Gefahr droht jedoch in Ausnahme-Situationen. Daher ist das Fazit (PDF-Dokument) von Hans-Joachim Ebermann von der Pilotenvereinigung durchaus irritierend: „Ihre Skills sind über die Jahre erheblich degeneriert.“

Es würde sehr überraschen, wenn der Autopilot in Fahrzeugen andere Folgen hätte als jener in Flugzeugen. Denn autonome Autos auf deutschen Straßen sind nur noch eine Frage der Zeit. Bis sie sich in Städten zurecht finden, mögen zwar noch Jahre vergehen. Aber auf der Autobahn wird man es schon dieses Jahr erleben können: Ein PKW fährt durch den Stau – und der Fahrer liest Zeitung. Die neue Mercedes S-Klasse kann selbständig lenken, Abstand halten, abbremsen und wieder beschleunigen. Es dürfte ein seltsames Gefühl sein, neben einem Roboter auf der Autobahn zu fahren oder gegebenenfalls von ihm verfolgt zu werden. Als Gefahren werden diskutiert: Programmierfehler, Hackerangriffe und schlichte elektronische Kurzschlüsse. Dabei legt die Erfahrung zumindest in Googles Straßentest nahe, dass die autonomen Autos sicherer sein dürften als ihre von Menschen gesteuerten Gegenstücke.

Eine Gefahr hat bisher allerdings kaum jemand angeführt: dass Fahrer ihre Künste verlernen. Müssen sie in einer schwierigen Situation eingreifen, wissen sie bald vielleicht gar nicht mehr, wie. Uns erwarten Erlebnisse vergleichbar mit jenem, wenn heute die Servolenkung ausfällt: Gott, geht das schwer! Werden Autofahrer künftig also verpflichtet, mindestens ein Viertel ihrer Fahrzeit selbst zu lenken, zu bremsen und Gas zu geben – kontrolliert vom internen Gehirn? Müssen sie jedes Jahr in einem Fahrsimulator ihre Fähigkeiten auffrischen? Oder wird es irgendwann die Regel geben: Hände weg vom Lenkrad, egal wann? Weil der Computer es besser kann? Ich weiß es nicht, bin mir aber sicher: Wir werden es erleben. (rot)