Warten auf die erste smarte Smartwatch
Keine derzeit erhältliche Smartwatch ist wirklich smart, weil sie nur Add-ons sind. Die Hersteller wollen uns dazu zwingen, nun zwei statt einem Gerät mit uns rumzuschleppen und täglich aufzuladen. Was für ein Käse! Aber jetzt gibt es die erste Smartwatch, die ihren Namen verdient. Und sie wird in einigen Situationen sehr sehr nützlich sein.
- Jens Lubbadeh
Keine derzeit erhältliche Smartwatch ist wirklich smart, weil sie nur Add-ons sind. Die Hersteller wollen uns dazu zwingen, nun zwei statt einem Gerät mit uns rumzuschleppen und täglich aufzuladen. Was für ein Käse! Aber jetzt gibt es die erste Smartwatch, die ihren Namen verdient. Und sie wird in einigen Situationen sehr sehr nützlich sein.
Manchmal gibt es ja Technologien, bei denen man schon genau weiĂź, dass sie floppen werden. Umso amĂĽsanter zu beobachten ist die gewaltige Marketingmaschinerie, die bemĂĽht werden muss, um die Menschen vom Gegenteil zu ĂĽberzeugen. Aber es ist ganz einfach: Wenn eine Neuerung keinen Mehrwert bietet oder sogar nur RĂĽckschritt, bringt das alles nichts. GekrĂĽmmte Fernseher sind so ein Beispiel neuer Sinnlosigkeit. Flachbildfernseher heiĂźen nicht zum SpaĂź so. Sie haben sich auch durchgesetzt, weil sie weniger Platz vergeuden. GekrĂĽmmte Fernseher sind keine Flachbildfernseher mehr.
Auch den Smartwatch-Hype beobachte ich mit Erstaunen. Begonnen hat das alles ja mit Pebble. Seitdem poppen nun überall Smartwatches hoch. Da ist nur eine Sache: Die sind alle überhaupt nicht smart. Pebble, Samsung, Sony und all die anderen wollen uns nun mit Marketingmacht davon überzeugen, dass wir nicht mehr nur ein Gerät mit uns rumschleppen sollen, sondern zwei. Wir sollen nun täglich auch noch eine Uhr aufladen, obwohl es uns schon tierisch nervt, dass wir das jeden Tag mit unserem Smartphone machen müssen. Früher haben Telefone mit einer Akkuladung eine ganze Woche durchgehalten. Wie wäre es mal mit Innovation ohne Rückschritte?
Smartwatch-Hersteller haben zweierlei nicht begriffen: Eine Smartwatch muss ein Standalone-Device sein, das alles kann, was ein Smartphone auch kann. Und des weiteren: Eine Armbanduhr ist etwas, das ich am Körper trage. Seitdem die Urmenschen begonnen, Schmuck zu tragen, sollte sich eigentlich mal langsam herumgesprochen haben, dass diese Dinge Ausdruck meiner Persönlichkeit sind, dass ich mich mit ihnen identifiziere, dass sie öffentlich sichtbar sind und es nicht egal ist, wie sie aussehen. Niemand wird eine Smartwatch tragen, die ihm keinen Mehrwert bietet. Aber erst recht niemand wird sie tragen, wenn sie auch noch hässlich ist.
Vor einigen Wochen habe ich das erste Mal auf Kickstarter ein Projekt unterstützt: Neptune Pine – die meiner Meinung nach erste Smartwatch, die diese Bezeichnung wirklich verdient. Eigentlich ist sie ein miniaturisiertes Smartphone, das man – unter anderem – am Handgelenk tragen kann.
Die Smartwatch-Hersteller hätten sich einfach nur mal fragen müssen, was der Platz am Handgelenk wirklich bedeutet, welche Vorteile er gegenüber einem Smartphone in der Tasche bietet: Ich bin damit mobiler, weil es ein kleineres Gerät ist; es ist immer sichtbar, ich brauche keine Schutzhülle aufzuklappen; ich benötige keine Tasche mehr; ich muss zur Nutzung nicht zwingend die Hände benutzen; es lenkt mich beim Gebrauch weniger ab, kann sich besser in meinen Alltag integrieren.
Hier mal ein paar Situationen, in denen ich Smartphone-Funktionalitäten bräuchte, sie aber nicht einfach einsetzen kann, eben weil das Smartphone oben genannte Features nicht bietet:
Beim Sport: Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe keine Lust, dass mir beim Joggen oder im Fitnessstudio mein klobiges Galaxy Note 2 oder ein iPhone dauernd gegen das Bein haut. Auch möchte ich mir so ein fettes Teil nicht um den Arm schnallen. Eigentlich schade, denn die ganzen tollen Sport-Apps wie Runtastic würde ich gerne nutzen.
Beim Ausgehen: In einem Club wird es heiß, vor allem, wenn man tanzen will. Die Jacke liegt irgendwo auf einem Haufen. Nur wohin mit dem Telefon? Die Hosentaschen sind voll mit Geldbeutel und Schlüssel. Da haben es Frauen mit ihren Handtäschchen leichter. Und das Telefon zuhause lassen, ist keine Option, weil man noch unterwegs mit Leuten kommunizieren muss oder Öffi-Pläne einsehen oder Taxis rufen muss.
Beim Fahrradfahren: Google Maps hat endlich eine leidlich benutzbare Fahrradroutenplanung. Sogar Turn by Turn kann man jetzt auf dem Rad nutzen. Ich habe allerlei Fahrradhalterungen für mein Smartphone ausprobiert, keine Lösung finde ich wirklich befriedigend. Weil: 1) Der Touchscreen funktioniert durch die Folie nicht gut, 2) das Smartphone ist wettergeschützt eingepackt, dafür hört man die Navigationsanweisungen nicht mehr und 3) im gleißenden Sonnenlicht ist die Karte nicht mehr erkennbar, weil der Screen nicht hell genug ist, aber weil auch die Schutzfolie der Halterung wahnsinnig spiegelt. Zudem lenkt 4) die Benutzung viel zu sehr vom Straßenverkehr ab – das ist gefährlich.
Beim Autofahren: Ich nutze das Smartphone oft zur Navigation in Mietautos oder Car2Gos. Nervig ist dabei nur, dass man immer wieder nach einem geeigneten Ablageort für das Smartphone suchen muss, wo man es einerseits sieht und wo es andererseits nicht sofort wegrutscht und runterfällt, wenn man mal bremst.
Im Sommer: DrauĂźen ist es so warm, dass man keine Jacke braucht. Dann hat man das gleiche Problem wie im Nachtclub: Wohin mit dem Riesensmartphone, wenn die Hosentaschen schon ĂĽberladen sind mit Geldbeutel und SchlĂĽssel?
Am Strand: Will man wirklich sein 500-Euro-Gerät bei seinen Sachen liegen lassen, während man mal kurz ins Meer möchte?
Allgemein: Mich nervt es die immergleichen Vorgänge wiederholen zu müssen, wenn ich auch nur die kleinste Smartphone-Funktionalität benötige: Jacke aufziehen, in die Tasche greifen, Schutzhülle aufklappen, Home-Button-Drücken, Wischen, Entriegeln, in die App-Übersicht gehen, Telefon/SMS/App aufrufen. Ein Smartphone am Handgelenk wäre sofort einsatzbereit.
Zugegeben: Die Neptune Pine ist klobig. Von den Ausmaßen her wird das Gerät etwas größer als eine Streichholzschachtel ausfallen. Schön und elegant ist das sicher nicht. Pine wird für mich auch kein voller Smartphone -Ersatz sein, denn auf dem 2,3-Inch-Display wird Lesen und Surfen keine Freude sein. Aber in all den beschriebenen Situationen freue ich mich schon darauf, dieses Gerät einsetzen zu können.
Übrigens: Telefonieren muss man nicht in James-Bond-Manier. Und man muss auch nicht hektisch seinen Kopfhörer rausfriemeln und einstöpseln, wenn ein Anruf kommt. Auch muss man nicht permanent mit Headset im Ohr herumlaufen. Klingelt es, kann man Pine mit einem Handgriff bequem vom Handgelenk abklippen und sich normal ans Ohr halten. Außerdem gibt es noch Tragealternativen, falls man nicht mit der Streichholzschachtel am Arm im schicken Club auffallen möchte: Die Pine-Entwickler haben großartigerweise noch Clip-Halterungen für den Gürtel, Helme (ist also auch eine Actionkamera beim Skifahren u. ä.) und eine stoßfeste Gummiummantelung mit Schlüsselbandhalterung entwickelt. Vor allem letztere Option ist für mich die Lösung für den Nachtclub oder den Strand. Pine soll nach IP67-Zertifizierung wasserdicht bis einen Meter und 30 Minuten lang sein, genug für Plätschern im Meer. Und sie ersetzt jede Sportuhr, da es auch noch einen passenden Pulsmessgurt für sie gibt. Und das alles schon ab 180 Euro. Da kann keine andere Smartwatch mithalten.
Natürlich ist das noch nicht die optimale Lösung: Ich werde eine zweite Sim-Karte brauchen und eine Anrufweiterleitung einrichten müssen, wenn ich Pine benutze. Da Samsung bescheuerterweise keinen Sim-Schlitz an der Seite meines Galaxy Note 2 eingebaut hat und permanenter Sim-Kartenwechsel keine alltagstaugliche Option ist. Ideal wäre ein Kombigerät. Ein großes Smartphone, aus dem man ein kleines mobiles abkoppeln kann, das man sich ans Handgelenk klemmt. Vielleicht kommt das ja bald – auf Kickstarter.
(jlu)