Der Weltraum rückt näher

Astronautik-Kongress in Glasgow: Während die ersten Tickets für kommerzielle Flüge in den erdnahen Weltraum verkauft werden, bereiten sich professionelle Astronauten auf Missionen zu Mond und Mars vor

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Von
  • Hans-Arthur Marsiske

Für zukünftige Weltraumtouristen hatte der französische Astronaut Jean-François Clervoy, der selbst dreimal im All gewesen ist, wichtige Tipps parat. "Schau dir die Erde an, mach Fotos und hör gute Musik dabei", empfahl er bei der Diskussionsrunde, die den diesjährigen International Astronautical Congress (IAC) in Glasgow beschloss. Nachdem sein russischer Kollege Sergej Krikaljew geraten hatte, die gesamte Mission zu genießen, einschließlich der Vorbereitungen, und die japanische Astronautin Chiaki Mukai auf den Reiz der Wiederentdeckung der Schwerkraft hinterher hingewiesen hatte, fiel Clervoy noch etwas ein: "Nimm einen MP3-Rekorder mit, rede die ganze Zeit und nimm das auf."

Der Weltraum rückt näher. "In den kommenden 15 bis 20 Jahren werden die meisten Menschen die Gelegenheit haben, ins All zu reisen", prophezeite George T. Whitesides, Direktor der National Space Society. Als Berater der Firma Virgin Galactic, die ab 2009 oder 2010 suborbitale Flüge an den Rand des Weltraums anbieten will, ist er dicht an der Kommerzialisierung der bemannten Raumfahrt dran. Mit einem Überblick über die Entwicklungen der vergangenen 15 Jahre konnte er seine Prognose recht eindrucksvoll unterfüttern. Virgin Galactic, so Whitesides, habe bereits jetzt knapp 300 Anmeldungen. Er erwartet allerdings, dass sich neben den reinen Erlebnisflügen, die zum Preis eines Reihenhauses etwa fünf Minuten Schwerelosigkeit bieten, vor allem der Passagiertransport mit extrem verkürzten Flugzeiten (zwei Stunden von Europa nach Amerika) als wichtigster Geschäftszweig entwickeln wird.

Die professionellen Astronauten bereiten sich unterdessen auf ferner liegende Ziele vor. Deutlich war in den Veranstaltungen des Kongresses der Wille zu spüren, Missionen über den erdnahen Orbit hinaus zu unternehmen und Menschen zum Mond und zum Mars zu schicken. Anders als beim Apollo-Programm der 1960er Jahre werden aber diesmal nachhaltigere Ansätze verfolgt. Mit den Missionen soll zugleich eine Weltrauminfrastruktur entstehen, die zukünftige Missionen und die dauerhafte Präsenz von Menschen im All erleichtert. Mehrere Referenten plädierten etwa für die Errichtung von Stützpunkten an den Librationspunkten im Sonne-Erde-Mond-System, an denen sich die Gravitationskräfte dieser Himmelskörper gegenseitig aufheben.

Immer wieder wurde auch betont, dass die Errichtung einer solchen Infrastruktur in internationaler Kooperation erfolgen müsse. "Es ist der Planet Erde, der zum Mars fliegt", sagte Bruno Gardini, Exploration Program Manager bei der Europäischen Weltraumorganisation Esa, in einer Gesprächsrunde. Das gilt nicht nur für bemannte Missionen, sondern ebenso für die vorbereitenden Roboterflüge. Eine Probenrückholmission zum Mars sei nur international machbar, betonte auch Scott Hubbard von der kalifornischen Stanford University, früherer Direktor des Nasa Ames Research Center. Und weil er vielleicht spürte, dass so eine Aussage von einem US-Amerikaner nicht ganz ernst genommen werden könnte, verwies er auf die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen und fügte hinzu: "Der Regierungswechsel könnte die Art ändern, wie die USA internationale Partnerschaften betreiben."

Bevor Menschen zum roten Planeten fliegen, werde es mehrere Probenrückholmissionen geben, betonte Gardini. Sie ermöglichen nicht nur die Untersuchung von Bodenproben in irdischen Laboratorien, sondern testen auch die für bemannte Missionen erforderlichen Technologien wie die weiche Landung auf dem Mars, den Wiederaufstieg, die Kopplung mit dem Mutterschiff im Marsorbit, die Rückkehr zur Erde und den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Die erste derartige Mission könnte um 2020 erfolgen. Um die gleiche Zeit sollen auch erstmals seit Apollo wieder Menschen zum Mond fliegen.

Vorbereitet werden diese Missionen unter anderem auf der Internationalen Raumstation ISS, die am 20. November ihr zehnjähriges Betriebsjubiläum begeht. Mit der Ankopplung der europäischen und japanischen Module ist sie jetzt nahezu komplett und kann endlich ihr volles Potenzial als Forschungsplattform im All entfalten. Von einer "stillen Revolution in der Mikrogravitationsforschung" sprach Marc Uhran, Deputy Associate Administrator for ISS bei der Nasa. Für die USA bildeten dabei bio-medizinische Forschungen den Schwerpunkt. Unter anderem soll geklärt werden, wie zukünftige Astronauten ohne fremde Hilfe die Landung auf dem Mars bewältigen können. Immerhin werden sie dann mehrere Monate in der Schwerelosigkeit hinter sich haben. Anders als auf der Erde wird es aber niemanden geben, der ihnen aus dem Raumschiff helfen könnte. "Wir haben gerade erst an der Oberfläche gekratzt, was die Gesundheit der Astronauten betrifft", unterstrich Marc Heppener, Leiter der ISS Utilisation and Microgravity Promotion Division bei der Esa.

Die schwierigsten Hindernisse, die auf dem Weg zum Mars und anderen fernen Zielen im All zu bewältigen sind, sind allerdings nicht technologischer oder wissenschaftlicher Natur. Als größte Herausforderung nannte Richard J. Gilbrech, Associate Administrator for Exploration Systems bei der Nasa, die Stabilität des politischen Willens über die für solche Missionen erforderlichen langen Zeiträume.

Die Erschließung und Besiedelung des Weltraums ist eben auch eine Übung in Nachhaltigkeit und langfristiger Planung. Das Argument, dass wir erst auf der Erde Ordnung schaffen sollten, bevor wir zu den Sternen aufbrechen, lässt sich daher umkehren: Wenn es uns im Weltraum nicht gelingt, zu nachhaltiger, internationaler Zusammenarbeit zu kommen, werden wir es auf der Erde erst recht nicht schaffen. (Hans-Arthur Marsiske) (jow)