„Lausiges Produkt“

Das Silicon Valley erfindet die Universitäten neu? Nein, tut es nicht. Ausgerechnet Sebastian Thrun, der Star der Massive Open Online Courses (MOOCs), lässt nun die Luft aus dem Hype.

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Von
  • Robert Thielicke

Das Silicon Valley erfindet die Universitäten neu? Nein, tut es nicht. Ausgerechnet Sebastian Thrun, der Star der Massive Open Online Courses (MOOCs), lässt nun die Luft aus dem Hype.

Der gebürtige Deutsche ist der Vater von Googles selbstfahrenden Autos, ehemaliger Chef der Google X Labs für besonders visionäre Projekte – und Gründer von Udacity. Mit Internet-Vorlesungen und Online-Prüfungen hatte er das Lehrprogramm von Elite-Universitäten ins Web verlagert, zuvorderst das seiner eigenen, der Stanford University. Umsonst waren die Kurse, während in Stanford, Harvard oder Princeton mehrere zehntausend Dollar Studiengebühren anfallen. 1,6 Millionen schrieben sich bei Udacity ein, Thrun sah den Anfang einer „Bildungsrevolution“. Der New York Times-Kolumnist Thomas Friedman schrieb: „Nichts hat ein größeres Potenzial, um noch mehr Menschen aus der Armut zu befreien.“

Klingt gut. Leider „passen die Daten nicht zur Idee“, gibt Thrun im US-Magazin Fast Company zu. Die so gehypten MOOCs funktionieren nicht. Von 100 Studenten, die den umsonst verfügbaren Online-Kursen folgten, bestanden nur fünf die nachfolgende Prüfung. Es dürften jene gewesen sein, die ohnehin brilliert – und wohl ein Stipendium bekommen hätten.

Nun könnte es durchaus sein, dass bei freien Kursen jede Menge Neugierige mitmachen, die gar keine Prüfung bestehen wollen – und irgendwann aussteigen, weil sie keine Lust mehr haben. Das hoffte auch Thrun. Ende 2012 bot er zusammen mit der San Jose State University elementare Mathe-Kurse an. 150 Dollar kosteten sie und damit ein Drittel des eigentlichen Preises. Geholfen hat es wenig: Den Kurs „College Algebra“ etwa bestand ein Student an der Uni mit 52 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit als ein Teilnehmer zu Hause vor dem Rechner. Ob sich die gesparten 300 Dollar an Gebühren rechnen, bezweifelt selbst Thrun. „Wir haben ein lausiges Produkt“, gesteht er.

Ihm fehlt ein Faktor, der in der Technologie-Szene des Silicon Valley immer wieder gern herausgekürzt wird: der Mensch. Informationen können digitalisiert werden, soziale Bindungen nicht. Dabei sind gerade sie beim Lernen wichtig. Es braucht den Diskurs unter Andersdenkenden und die Motivation durch Gleichgesinnte, um Zusammenhänge zu verstehen.

Es wäre großartig, könnten Udacity und andere Anbieter die Bildung in den USA demokratisieren. Könnten sie die Eliteanstalten so unter Druck setzen, dass sie von Millionengehältern ihrer Dekane Abstand nehmen, die Gebühren absenken und keine Milliardenvermögen mehr anhäufen. Großartig ja, aber unwahrscheinlich. Nicht von ungefähr hat das Konzept in Deutschland nie richtig verfangen. Denn hier spielt das einzige Argument für MOOCs keine Rolle: hohe Studiengebühren.

Udacity existiert noch, Thrun ist auch noch der Geschäftsführer. Aber seine Firma ist mittlerweile vor allem: Anbieter für Fortbildungen in Unternehmen. Online natürlich, aber revolutionär kaum. (rot)