Netflix warnt vor einem Ende des offenen Internets
Der US-Videodienst Netflix ist besorgt darüber, dass die Vorgaben der US-Regulierungsbehörde für ein offenes Internet vor Gericht keinen Bestand hatten. Jeder Provider könne Online-Angebote demnach legal behindern.
Netflix bezieht sich auf ein Urteil, das die Vorgaben der US-Regulierungsbehörde FCC (Federal Communications Commission) zur Netzneutralität für rechtswidrig erklärt hatte. Prinzipiell könne so jeder Provider die von Netflix-Nutzern abgerufenen Videoströme legal behindern, schreibt die Unternehmensführung des Streaming-Anbieters in einer Mitteilung (PDF-Datei) an Anteilseigner und Investoren zu seinen Jahreszahlen 2013. Dies könne das Zuschauererlebnis deutlich verringern.
Die Motivation eines Zugangsanbieters hinter so einer Aktion könnte es dem Internetkonzern zufolge sein, von Netflix Gebühren für die ungestörte Durchleitung der Videoinhalte zu verlangen. Dies käme einem "drakonischen Szenario" gleich, warnt der Content-Lieferant. Für einen solchen Fall kündigt Netflix vorsichtshalber "lautstarken Protest" an. Man würde dann Kunden und Mitglieder auffordern, das "offene Internet einzufordern", für dessen Bereitstellung sie ihren Provider bezahlen würden.
Die Online-Videothek geht derzeit aber davon aus, dass Zugangsanbieter diesen "verbraucherunfreundlichen Weg" der Unterscheidung zwischen ausgelieferten Datenpaketen nicht beschreiten. Sie seien sich über die "breite öffentliche Unterstützung für die Netzneutralität" im Klaren und wollten keine Intervention der Regierung heraufbeschwören. Zudem hätten die Provider ein Eigeninteresse daran, ihre "sehr profitablen Breitbandunternehmungen" weiter auszubauen. Einer der wichtigsten Gründe für Konsumenten, höhere Bandbreitenpakete zu kaufen, sei Videostreaming in hoher Qualität.
Langfristig sei Netflix und den Verbrauchern am besten mit "starken" Vorgaben für ein offenes Internet "über alle Netzwerke" hinweg gedient, heißt es in dem Schreiben weiter. Dies beziehe sich auch auf den Mobilfunk, den selbst die vorerst gekippten Netzneutralitätsprinzipien der FCC bislang von entsprechenden Auflagen ausnahmen. Der Videodienst baut dabei auch auf freiwillige Vereinbarungen mit Providern, solange kein "aggressiver" Branchenvertreter spezielle Datenflüsse zu blockieren beginne.
Der neue FCC-Vorsitzende Tom Wheeler schätzte die Marktentwicklung im Dezember anders ein. Er sprach vom Ausdifferenzieren von Preis- und Servicemodellen. Große Content-Vertriebshäuser wie Netflix könnten nach Ansicht des früheren Lobbyisten der Telekom-Branche in diesem Umfeld selbst darauf kommen, einen Aufpreis an Provider zu zahlen, um ihren Kunden einen Film per bestmöglicher Übertragungsqualität auszuliefern. Der US-Platzhirsch AT&T hat derweil das Programm "Sponsored Data" angekündigt, wonach Inhalteanbieter zumindest im Mobilfunk die Kosten für ihre Datenübertragungen selbst zahlen sollen. Die Bandbreitenlimits der Endkunden blieben so unangetastet.
Netflix hat sich in den vergangenen Jahren wiederholt für die Netzneutralität stark gemacht und einzelnen Zugangsanbieter Verstöße gegen dieses Prinzip vorgeworfen. Der Konzern, der einen Vorstoß nach Europa plant, vereint der Statistik (PDF-Datei) des Marktbeobachters Sandvine zufolge derzeit beim Downstream knapp 32 Prozent des Internetverkehrs Nordamerikas auf sich und hält damit den Spitzenplatz. Auf Rang 2 folgt mit deutlichem Abstand YouTube mit rund 19 Prozent. (ad)