Die Zucker-Lüge
Zu viel Zucker macht krank. Wer aber der Nahrungsmittelindustrie vorwirft, daran schuld zu sein, sägt an einem wichtigen Pfeiler freier Gesellschaften: dem Prinzip der Eigenverantwortung.
- Robert Thielicke
Zu viel Zucker macht krank. Wer aber der Nahrungsmittelindustrie vorwirft, daran schuld zu sein, sägt an einem wichtigen Standpfeiler freier Gesellschaften: dem Prinzip der Eigenverantwortung.
Magazine wie Stern und Spiegel freuten sich über gute Auflagen, als sie titelten „Volksdroge Zucker“ oder „Die Suchtmacher – fettig, salzig, süß: Wie Lebensmittelkonzerne uns verführen“. Bestseller-Autor Hans Ulrich Grimm freute sich über ein gutes Geschäft mit seinem Buch „Garantiert gesundheitsgefährdend – Wie uns die Zucker-Mafia krank macht“. Kaum etwas regt Gespräche mehr an als die These, Lebensmittelhersteller seien schuld an der ungesunden Ernährung der Menschen. Denn wo ein Schuldiger, da ein Trost: Ach wären wir alle schlank, fit und gesund, gäbe es Nestle, Dr. Oetker und Kraft Foods nicht.
Leider ist es ein falscher Trost. Und gerade das Beispiel Zucker steht dafür mehr als jeder andere Nahrungsbestandteil: Die Hersteller fügen zwar Zucker unserer Nahrung zu, und manchmal tun sie das auch versteckt. Aber erstens ist es eine wissenschaftlich ziemlich wacklige Behauptung, der süße Stoff habe Suchtpotenzial. Dreizehn EU-Wissenschaftler von elf unabhängigen Instituten haben sich im Projekt NeuroFAST mit dieser Frage auseinandergesetzt. Ihr Ergebnis, veröffentlicht im Februar 2013: „Bei Menschen gibt es keinen Hinweis, das ein bestimmtes Nahrungsmittel, ein bestimmter Nahrungsmittelbestandteil oder Nahrungsmittelzusatz eine Substanzabhängigkeit hervorruft.“ Einzige Ausnahme sei Kaffee. Alkohol ordneten sie nicht als Nahrungsmittel ein. Die Verführung funktioniert also nur für den Moment vor dem Regal – und jeder Kunde kann sich jeden Moment anders entscheiden.
Damit sind wir beim zweiten Punkt: Diese Entscheidung mag psychologisch schwer fallen, rein sachlich ist sie ziemlich einfach zu treffen. Jede epidemiologische Studie zum Nahrungsverhalten kommt immer wieder zu diesem einen Schluss: Das Problem sind nicht heimlichen Quellen, die zugesetzte Süße in Schnittbrot, Tiefkühlpizza oder Fertigsoße. Die entscheidenden Lieferanten sind Limonaden, zuckrige Obstsäfte und ähnliche Getränke. Von verstecktem Zucker kann hier keine Rede sein. Und auch für die meisten anderen Lebensmittel gilt: Viel Süße schmeckt man. Natürlich mischt die Nahrungsmittelindustrie Zucker bei, um mehr ihrer Produkte zu verkaufen. Sie verführt nach bestem Wissen, aber nicht mit bestem Gewissen. Doch niemand zwingt uns, die Erzeugnisse auch zu kaufen. Wer anderes behauptet, gibt das auf, was einen mündigen Menschen ausmacht: Eigenverantwortung. (rot)