Crowdfunding-Geschummel

Viele Crowdfunding-Kampagnen sind offenbar getĂĽrkt: Kampagnenstarter haben ein FĂĽnftel bis ein Drittel des Geldes, das sie eigentlich einsammeln wollen, bereits zur VerfĂĽgung und bieten es auf ihre eigene Kampagne. Verboten ist das nicht. Aber ist es verwerflich?

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Von
  • Jens Lubbadeh

Viele Crowdfunding-Kampagnen sind offenbar getĂĽrkt: Kampagnenstarter haben ein FĂĽnftel bis ein Drittel des Geldes, das sie eigentlich einsammeln wollen, bereits zur VerfĂĽgung und bieten es auf ihre eigene Kampagne. Verboten ist das nicht. Aber ist es verwerflich?

Crowdfunding ist eine tolle Sache. Egal ob es die ultimative Smartwatch, das E-Bike-Aufrüstset oder der Traum vom eigenen Buch ist – nun hat jeder die Chance, sich um das Geld der Masse zu bewerben.

Als demokratische Innovationsförderung wird die Finanzierung durch das Geld der Masse auch gern bezeichnet. Natürlich ist es wichtig, wie gut man seine Idee verkauft. Doch letzten Endes zählt die Idee. Ist sie nur überzeugend genug, wird sie ihre Förderer finden. Ist sie es nicht, fällt sie durch. Weswegen eine Crowdfunding-Kampagne zugleich auch eine kleine Marktforschung ist.

Doch ein Faktor für den Erfolg scheint auch die Finanzierungsdynamik zu sein. Sechsstellige Beträge, die innerhalb von Tagen zusammenkommen, Kampagnen, die ihr Finanzierungsziel um ein Mehrfaches überbieten – Geld pro Zeit, das ist die physikalische Benchmark einer Kampagne. Je mehr Stundenkilomoneten der Crowdfunding-Motor erreicht, desto mehr Geld fließt nach. Ein typischer Schneeballeffekt.

Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass viele Kampagnenmacher ihren Motor tunen. Wer mit null Dollar oder Euro seine Kampagne startet, ist selbst schuld – so kann man es sogar schon in zahlreichen Crowdfunding-Ratgebern lesen: Befolge die 30-Prozent-Regel und habe bereits ein Drittel des Geldes, das du einsammeln willst, zum Start deiner Kampagne parat. Den Rest besorgt der Herdeneffekt.

Sprich: Erfolgreiche Kampagnen, die 100.000 Dollar eingesammelt haben, haben in Wahrheit nur 70.000 geholt. Ein Gründer einer sehr erfolgreichen Kampagne auf Kickstarter, die fast eine Million Euro holte, bestätigte mir das neulich persönlich: „Viele Kampagnen-Initiatoren verteilen das Geld an Freunde und Bekannte, die dann in den ersten 48 Stunden 30 Prozent des Kampagnenziels füllen.“ So lande man in den Rankings der beliebtesten und erfolgreichsten Kampagnen, die Kickstarter, Indiegogo und andere typischerweise listen, ganz oben. Verboten scheint das nicht zu sein, jedenfalls findet sich zu diesem Thema nichts in den Richtlinien der Crowdfunding-Seiten. Wieso auch – die bekommen ja für jede erfolgreiche Kampagne eine Provision.

Psychologisch ist der Effekt nachvollziehbar: Wer will schon eine Kampagne unterstützen, auf die noch keiner geboten hat? Leute fördern lieber Dinge, die Erfolg versprechen. Laut Statistik sind die ersten Tage nach dem Launch kritisch. Die Erfolgswahrscheinlichkeit einer Kampagne steigt dramatisch mit der in dieser Zeit bereits erreichten Finanzierungs-Prozentzahl. 20 Prozent erreichtes Kapital bedeutet eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 80 Prozent. Bei 30 Prozent steigt die Wahrscheinlichkeit, die Kampagne erfolgreich abzuschließen, auf 90 Prozent.

Anders als bei Ebay, das das Bieten auf eigene Angebote explizit untersagt, scheint das Bieten auf die eigene Kampagne von den Crowdfunding-Plattformen also geduldet zu sein. Bleibt trotzdem die Frage, ob die legale Schummelei zumindest moralisch verwerflich ist oder nicht. Eine endgĂĽltige Meinung habe ich dazu noch nicht. Wie sehen Sie das? (jlu)