Berechneter Leseaufwand
Wollen wir wirklich wissen, wie viele Minuten das aktuelle Buchkapitel noch dauert? Oder machen Zeitangaben fĂĽrs Lesen manchmal doch Sinn?
- Veronika Szentpetery-Kessler
Wollen wir wirklich wissen, wie viele Minuten das aktuelle Buchkapitel noch dauert? Oder machen Zeitangaben fĂĽrs Lesen manchmal doch Sinn?
Als die Kindle-App auf meinem Tablet damit anfing, die restliche Lesezeit für ein Kapitel oder das ganze Buch anzuzeigen, hat mich das gestört. Bei jedem Umblättern stach mir diese Lesefortschritts-Anzeige als erstes ins Auge. Aber ich wollte gar nicht wissen, wann ich mit dem aktuellen Kapitel fertig sein würde. Ich kam mir vor, als hätte mir Kindle eine Deadline gesetzt. Mit der Zeit lernte ich, es auszublenden. Man kann es zwar abstellen, doch es brauchte selbst mit Anleitung diverse friemelige Versuche, die richtige Stelle auf dem Display zu treffen – ich gab zwischenzeitlich mehrmals auf.
Gestern war ich dann wieder auf der sehr empfehlenswerten Seite „Matter“ unterwegs und fand hinter jedem Artikel plötzlich Zeitangaben. Die Plattform hat sich hauptsächlich auf lange, rechercheintensive Geschichten spezialisiert, die kaum noch ein Magazin abdruckt, aber von vielen gern gelesen werden. Und hier nervte mich die Angabe plötzlich überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil, ich fand es richtig hilfreich zu lesen, ob eine Geschichte 4 oder 24 Minuten dauert. Wie kommt diese Diskrepanz zustande?
Die Lösung ist bei näherem Hinsehen fast schon banal: Bücher lese ich zum Spaß. Auch wenn ich nur 20 Minuten in der Straßenbahn habe, mache ich mir keinen Plan, in dieser Zeit ein Kapitel zu schaffen. Bücher will ich genießen, nicht abhaken. Bei Artikeln habe ich dagegen ständig das Gefühl, nicht alles lesen zu können, was mich interessiert oder für die Arbeit wichtig ist. Die Zeitangabe wurde plötzlich zur Entscheidungshilfe, etwas jetzt oder später anzufangen, etwa auf dem Nachhauseweg. Dann kann ich den Artikel einfach auf meine Pocket-Liste packen und in Ruhe offline lesen. (vsz)