Warum Bitcoin ruhig sterben darf

Wie schon vor gut einem Jahr sorgt die japanische Börse Mt.Gox für einen Kollaps der virtuellen Währung. Doch auch wenn Bitcoin verschwindet, dürften neue digitale Zahlungsmittel bleiben.

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Von
  • Martin Kölling

Wie schon vor gut einem Jahr sorgt die japanische Börse Mt.Gox für einen Kollaps der virtuellen Währung. Doch auch wenn Bitcoin verschwindet, dürften neue digitale Zahlungsmittel bleiben.

In gewisser Weise war ich am Mittwoch froh, als eine ganz spezielle Website wieder ein Lebenszeichen von sich gab. Seit Montag war die Seite von Mt.Gox, dem weltgrößten Handelsplatz der eigentlich boomenden virtuellen Währung Bitcoin, offline – und mit ihr der Handel selbst. Als ich am Mittwoch morgen nachsah, grüßte mich wenigstens ein dürres Statement: "Dear MtGox Customers, in light of recent news reports and the potential repercussions on MtGox's operations and the market, a decision was taken to close all transactions for the time being in order to protect the site and our users. We will be closely monitoring the situation and will react accordingly." Mit freundlichen Grüßen, Mt.Gox.

Tatsächlich wurde das kleine Start-up, über das ich voriges Jahr in Technology Review berichtet hatte, von einer wahren globalen Medienlawine mitgerissen. Sicherlich gab es technische Probleme, die den Handel auf Mt.Gox in den vergangenen Wochen und Monaten erschwerten und damit Zweifel weckten, ob die Börse technisch handlungs- und finanziell überlebensfähig sei. Aber richtig Fahrt nahm der Niedergang auf, als die globalen Medien am Sonntag berichteten, dass Mark Karpeles, Chef der Mt.Gox-Muttergesellschaft Tibanne, aus dem Vorstand der Bitcoin-Stiftung zurückgetreten war.

Bei der übermäßigen Aufmerksamkeit, die diesem meines Erachtens völlig überschätzten Spielgeld beigemessen wird, wären wahrscheinlich auch größere und stärkere Unternehmen in Schwierigkeiten geraten. Und was wurde alles spekuliert. Von Betrug und Veruntreuung war die Rede.

Aber so wie ich Karpeles und seine Kollegen kennengelernt habe, vermute ich eher Überforderung und Unterfinanzierung als Gründe für den Zusammenbruch von Mt.Gox. Ich glaube bis zum Beweis des Gegenteils, dass Karpeles ein Überzeugungstäter war, der mit virtuellen Währungen die Welt verändern wollte. "Vielleicht wird Bitcoin verschwinden", gab er voriges Jahr das Orakel. "Aber die Währung ist nur die Spitze eines Eisberges. Wir stehen auf der Schwelle zu etwas Neuem. Bitcoin gibt nur die Form der Dinge vor, die noch kommen werden."

Besonders beim möglichen Untergang der virtuellen Währung kann ich ihm nur beipflichten. Mehr noch, ich würde diesem Hype um Bitcoin nicht eine Träne nachweinen. Denn das Konstrukt kam schon mit einem schwerwiegenden Geburtsfehler auf die Welt: die Währung ist inhärent deflationär. Denn die Zahl der umlaufenden digitalen Münzen ist letztlich beschränkt. Daher gilt hier stärker als bei anderen Währungen die Regel, dass mit der Nachfrage der Preis nach oben schnellt.

Ich weigere mich eigentlich, Bitcoin überhaupt als digitale Währung zu bezeichnen. Sie ist eher wie digitales Gold. Und sie schränkt die Handlungsfähigkeit von Staaten und Notenbank ein, mit der Ausdehnung oder der Schrumpfung der Geldmenge Wirtschaftspolitik zu betreiben. Oder wie der bekannte US-Ökonom Paul Krugman 2011 sagte: "Was wir von einem Geldsystem wollen, ist nicht, dass es die Geldbesitzer reich macht. Wir wollen Transaktionen erleichtern und damit die gesamte Wirtschaft reich machen."

Es gibt Alternativen. Die für mich interessanteste ist der Ven, der von der sozialen Plattform für den globalen Jetset, Hub Culture, als Zahlungsmittel genutzt wird. Die Währung ist nicht wie Bitcoin und andere Währungen anarchisch als Peer-to-Peer-Netzwerk organisiert, sondern komplett mit Rohstoffen, Währungen oder Emissionsrechtetiteln abgesichert und zentral verwaltet.

Das macht den Ven nicht nur extrem stabil und damit interessant für etablierte Währungsbörsen. Im Februar nahm der LMAX-Handel den Ven auf. Überdies stärkt, wer mit dem Ven zahlt, auch den Klimaschutz. Wie eine Währung organisiert und gedeckt sei, entscheide über ihren Charakter und erziehe damit die Nutzer, erklärte Gründer Stan Stalnaker mir einmal. "Es heißt, Geld sei die Wurzel allen Übels. Was aber, wenn wir es zu einer Quelle des Guten machen können?" Keine schlechte Idee. (bsc)