Kompass für Innenräume
Ein Start-up aus Finnland hat ein Navigationssystem entwickelt, mit dem sich auch ohne GPS-Satellitenempfang die eigene Position bestimmen lässt.
- Claudius Technau
Ein Start-up aus Finnland hat ein Navigationssystem entwickelt, mit dem sich auch ohne GPS-Satellitenempfang die eigene Position bestimmen lässt.
In der Stadt oder im freien Gelände ist die GPS-gestützte Navigation mit dem Smartphone kein Problem. Doch innerhalb von Gebäuden wird das GPS-Signal zu stark gedämpft. Hier helfen häufig WLAN-basierte Systeme beim Navigieren. Doch auch diese Lösung hat ihre Tücken, weshalb das finnische Start-up IndoorAtlas einen völlig neuen Weg geht: Es nutzt das Magnetfeld der Erde. Als Vorbild dienen Tiere wie Zugvögel, Lachse und Meeresschildkröten, die dank ihres Magnetsinns Tausende Kilometer entfernte Ziele finden.
IndoorAtlas nutzt dafür den in Smartphones installierten Magnetsensor, der normalerweise ebenfalls eine Kompassfunktion ermöglicht. Dieser erfasst in Innenräumen die Variationen des Erdmagnetfelds, die Metallbauteile von Gebäuden erzeugen, Stahlträger etwa oder stahlverstärkter Beton. "Das ist eine gewaltige Verbesserung gegenüber den bestehenden Technologien für die Indoor-Navigation", versichert Geschäftsführer und Mitgründer Janne Haverinen. Selbst scheinbar identische Stockwerke in Hochhäusern unterscheiden sich laut Haverinen dank ihres unverwechselbaren Magnetfeldes. Kleiner Nachteil: Für Holz- und Steingebäude ist die Methode nicht geeignet.
Die großen Vorteile: Ist ein Gebäude grundsätzlich geeignet, ist keine zusätzliche Hardware nötig. Für eine genaue Orientierung über WLAN-Netzwerke hingegen müssten zusätzliche Access Points eingerichtet werden, weil die für die Kommunikation bereits vorhandenen eine zu geringe Abdeckung bieten. Zweitens ist das magnetische Feld sehr stabil. Das WLAN-Signal hingegen kann blockiert sein, wenn viele Menschen in einem Raum darauf zugreifen. Etwa für Supermärkte funktioniert diese Technik daher nicht gut.
Deshalb sind große Supermärkte die erste Kundengruppe, die IndoorAtlas im Visier hat. Die Technologie eignet sich laut Haverinen hervorragend, um die Käufer zu definierten Abschnitten der Warenregale zu lotsen, denn die Genauigkeit liegt bei drei Metern. Damit Supermarktkunden mit der Kompass-Lösung navigieren können, muss das Geschäft zuvor das Magnetfeld in dem Gebäude kartieren und die Räume sowie Gänge zwischen den Regalen mit einem Smartphone ablaufen.
Bei vielen Supermärkten sei das Interesse an der IndoorAtlas-Lösung gewaltig, sagt Haverinen. Sie können zum Beispiel Apps mit personalisierter, ortsbezogener Werbung oder tages-aktuellen Angeboten entwickeln. Dabei hätten die großen Ketten keine Sorge, dass sich die Kunden dank der einfacheren Navigation in den unübersichtlichen Gängen schneller zurechtfinden und mit ihren Einkäufen rasch wieder verschwinden. Im Gegenteil: "Wenn man weiß, wo sich die Produkte befinden, kauft man entspannter ein, hat mehr Zeit, herumzuschauen und neue Produkte zu finden", versichert Haverinen.
Erste Ergebnisse eines Pilotprojekts in Finnland bestätigen den wirtschaftlichen Nutzen für Supermärkte. Anfang 2013 wurden an Einkaufswagen Tablets mit der Navigationsplattform der Finnen installiert. Kunden mit einem solchen Wagen gaben durchschnittlich zehn Prozent mehr aus als solche mit einem herkömmlichen Einkaufswagen.
Auch im nicht kommerziellen Bereich gibt es Einsatzmöglichkeiten für die IndoorAtlas-Lösung. Sie könnte zum Beispiel Rettungskräften helfen, Anrufer im Notfall schneller zu lokalisieren. Dies setzt allerdings voraus, dass sie sich in einem Gebäude mit Stahlgerüst befinden, dessen Magnetfelder zuvor kartiert wurden – und dass die Einsatzkräfte über diese Karte verfügen. (bsc)