Sollen Kinder drei Eltern haben?
Britische Mediziner wollen per IVF Kinder zeugen, die drei Eltern haben. Seit vergangenen Donnerstag stellt das Department of Health seine Regeln für die gewagte Technik öffentlich zur Diskussion. Dabei wäre die beste Regel: Es gar nicht erst zu erlauben.
- Robert Thielicke
Britische Mediziner wollen per IVF Kinder zeugen, die drei Eltern haben. Seit vergangenen Donnerstag stellt das Department of Health seine Regeln für die gewagte Technik öffentlich zur Diskussion.
Die Briten sind seit langem Vorreiter wenn es darum geht, die Grenzen der menschlichen Fortpflanzung zu überschreiten. Nun wollen Forscher auf der Insel den nächsten Schritt wagen: Kinder sollen das Licht der Welt erblicken, die drei Eltern haben. Das britische Department of Health steht dem Verfahren aufgeschlossen gegenüber. Seit Donnerstag vergangener Woche stehen seine Regeln für die gewagte Technik öffentlich zur Diskussion. Künftig soll nicht mehr gelten, was seit Urzeiten Gewissheit ist: Jeder hat zwei Eltern. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das Vorhaben würde das biologische Gefüge der Gesellschaft gehörig durcheinander bringen. Ist es das wirklich wert?
Einige Paare können keinen gesunden oder gar keinen Nachwuchs zeugen, weil die Eizellen der Frau defekt sind: Ihre Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, arbeiten nicht richtig. Deshalb wollen die Mediziner sie austauschen. Sie befruchten die defekte Eizelle per klassischer In-Vitro-Fertilisation. Erbgut von Mann und Frau verschmelzen. Dann jedoch entnehmen sie den Zellkern, der das Erbgut trägt. Anschließend pflanzen sie ihn einer neuen Eizelle mit funktionsfähigen Mitochondrien ein. Diese Eizelle stammt von einer Spenderin – dem dritten Elternteil.
Damit stellt sich die grundlegende Frage: Was macht die Technologie mit unserer Identität? Was ist, wenn drei biologische Fixpunkte im Leben einer zu viel sind? Wie sich ein Embryo entwickelt, hängt schließlich nicht nur an den Genen, sondern auch an den Bedingungen in der Eizelle. Neue Studien legen nahe, dass sich sogar psychische Belastungen wie Traumata weiter vererben können – und es ist durchaus denkbar, dass dabei auch Mechanismen abseits des Zellkerns eine Rolle spielen.
„Wer bin ich?“ Die Suche nach der eigenen Identität beginnt immer auch mit der Frage: „Woher komme ich?“ Was also passiert, wenn wir diese Frage nicht mehr so klar beantworten können? Denkbar wäre schließlich auch Folgendes: die Befruchtung der Eizelle mit Spendersamen, Transfer des resultierenden Zellkerns in eine gespendete Eizelle, die schließlich eine Leihmutter austrägt. Das macht insgesamt fünf Eltern, zwei soziale und drei irgendwie geartet biologische. Konstruiert? Sicherlich. Aber eben möglich.
Je mehr Optionen existieren, umso größer dürfte auch die Verwirrung für die Kinder sein, die mit den neuen Techniken auf die Welt kommen. Wie wichtig dem Menschen die biologische Herkunft ist, zeigen nicht zuletzt die vielen Adoptivkinder, die sich auf die Suche nach ihren Erzeugern begeben. Natürlich wird die nun diskutierte Technik nur bei ganz wenigen Paaren Anwendung finden. Und gegen die Kritik an ihr lässt sich einwenden: Die IVF-Methode wird die Paare unzweifelhaft glücklich machen. Aber deren Leiden – keine gesunden Kinder zur Welt bringen zu können – ist nicht lebensbedrohlich. Dafür am biologischen Gefüge unserer Gesellschaft zu rütteln, ist ein zu hoher Preis. (rot)