Gentest statt Operation

Mit einem neuen Diagnoseverfahren sollen sich SchilddrĂĽsentumore besser erkennen lassen. Das kann chirurgische Eingriffe verhindern.

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Von
  • Susan Young

Mit einem neuen Diagnoseverfahren sollen sich SchilddrĂĽsentumore besser erkennen lassen. Das kann chirurgische Eingriffe verhindern.

Noch in diesem Jahr sollen Ärzte in den USA einen neuen Gentest einsetzen dürfen, mit dem sie vor einer Tumoroperation bessere Entscheidungen treffen können. Die Untersuchung hilft dabei, zu bestimmen, ob ein Patient an einer besonders gefährlichen Variante von Schilddrüsenkrebs leidet, die neben dem anfänglichen diagnostischen Eingriff auch noch eine zweite, schwierigere Operation bedingt. Weiß der Arzt dagegen vorab, dass es sich um eine aggressive Tumorform handelt, kann er gleich beim ersten Eingriff breiter agieren.

Veracyte, die Firma hinter dem neuen Diagnoseverfahren, verkauft bereits eine spezielle Untersuchung, mit der Ärzte entscheiden können, ob eine Operation bei Patienten mit potenziellem Schilddrüsenkrebs grundsätzlich notwendig ist. Derzeit werden Schilddrüsen oft entnommen, obwohl sie gar keine problematischen Tumore enthalten. Das ist nicht nur physisch belastend für den Betroffenen, sondern bedeutet oft auch eine lebenslange Hormontherapie, die sich vermeiden ließe.

Beide Veracyte-Gentests sind Teil einer breiteren Initiative, DNA-Untersuchungen in den klinischen Alltag zu holen, wobei hier die Onkologie zu den Wegbereitern gehört. Eine (aus Patentgründen nicht unumstrittene) Diagnostik von Myriad Genetics erlaubt es, nach Mutationen im Genom von Frauen zu suchen, die das Krebsrisiko erhöhen. Foundation Medicine hilft Ärzten wiederum mit seiner Technik, Medikamente zu finden, die gegen eine ganz bestimmte Tumorart helfen sollen.

Der erste Veracyte-Test ist der bislang einzige auf dem Markt, mit dem sich Krebs ausschließen lassen soll. Eine Geschwulst wird durch ungewöhnliches Zellwachstum in der Schilddrüse hervorgerufen. Doch oft ist eine solche Wucherung gar kein Krebs. Um herauszufinden, um was es sich tatsächlich handelt, müssen Ärzte zunächst Zellen aus dem Bereich extrahieren und diese dann unter dem Mikroskop analysieren. In den USA sind 30 Prozent dieser Untersuchungen aber ohne eindeutiges Ergebnis. Und weil Krebs nicht ausgeschlossen werden kann, ist der nächste Schritt in diesem Fall zumeist die Entfernung der Schilddrüse. Dabei produziert das Organ wichtige Hormone, die Stoffwechsel und Körperfunktionen steuern. Deshalb müssen nach der Entnahme lebenslang Hormone verabreicht werden.

Doch in 60 bis 80 Prozent der Fälle erweisen sich die Wucherungen als harmlos. "Ein Patient musste also unnötigerweise eine Operation durchmachen", sagt Kishore Lakshman, Direktor eines Schilddrüsenzentrums in Fall River, Massachusetts. Das ist nicht nur eine Belastung, sondern bringt auch Risiken wie eine Infektion mit sich – und die erwähnte Abhängigkeit von einer Hormontherapie. Lakshman setzt daher bereits seit 2011 auf den Gentest von Veracyte, um das Krebsrisiko bei Patienten zu bestimmen, deren Biopsieergebnis nicht schlüssig war. "Als ich erfahren habe, dass es einen sehr effizienten Weg gibt, die Gefährdung durch eine Wucherung herauszufinden, ohne dass ein Patient einer Operation unterzogen werden muss, habe ich mich sofort dafür interessiert", sagt Lakshman.

Veracyte hatte zuvor die Genexpression bei Hunderten von Patienten mit Schilddrüsengeschwulsten untersucht. Einige waren harmlos, andere gefährlich. Dabei wurden 142 Gene ermittelt, die sich zu einer verlässlichen Bestimmung eignen. "Unser Team hat jedes Gen im menschlichen Genom überprüft. So konnten wir genügend Informationen extrahieren und diese dann mit Algorithmen aus dem Bereich des maschinellen Lernens analysieren, um zu erkennen, ob ein Patient nur an einer harmlosen Wucherung leidet", erläutert Veracyte-Chefin Bonnie Anderson.

Die Leistungsfähigkeit des Tests wurde in einer Studie nachgewiesen, die 2012 im "New England Journal of Medicine" erschien. Dabei zeigte sich, dass die Untersuchung eine Wucherung in 95 Prozent der Fälle verlässlich von "unbestimmt" auf "harmlos" reklassifizieren konnte.

Neben der Tatsache, dass sich so unnötige Operationen verhindern lassen, kann der Test auch Gesundheitskosten sparen helfen. Eine Untersuchung der Johns Hopkins University School of Medicine fand heraus, dass sich allein in den USA Jahr für Jahr 122 Millionen Dollar einsparen ließen, weil es weniger Eingriffe geben müsste. Gemessen wurde das an der Zahl der Personen, deren Testergebnisse nicht eindeutig waren.

Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass amerikanische Versicherungen die Genuntersuchung unterstĂĽtzen. Seit seinem DebĂĽt im Rahmen der staatlichen Versicherung Medicare zahlen mittlerweile vier groĂźe Versicherungskonzerne fĂĽr den Veracyte-Test.

Die zweite Diagnosemethode, die für dieses Frühjahr erwartet wird, soll weitere Gene einbeziehen. In einer Studie von 548 Biopsien aus Schilddrüsen ließ sich bei fünf Patienten vorhersagen, dass sie an einer besonders aggressiven Tumorform leiden. Allen fünf wurde die Schilddrüse entfernt und es zeigte sich, dass es sich tatsächlich um die gefährliche Variante handelte.

Veracyte entwickelt auĂźerdem einen Gentest zur Diagnose von Lungenkrankheiten, die ebenfalls normalerweise invasive diagnostische Eingriffe bedingen. Dieses Produkt soll bis 2016 verfĂĽgbar sein, sagt Firmenchefin Anderson. (bsc)