Was will Google?
Die Frage geistert durch die Medien und Analysten-Blogs spätestens seit der Internetkonzern groß auf Shopping-Tour gegangen ist. Alle suchen nach dem großen Bild. Gibt es das? Natürlich.
- Robert Thielicke
Was will Google? Die Frage geistert durch die Medien und Analysten-Blogs spätestens seit der Internetkonzern groß auf Shopping-Tour gegangen ist. Vom Roboterhersteller Boston Dynamics über den Haustechnik-Hersteller Nest bis zum Start-up DeepMind, das Maschinen das Lernen beibringt: Alle suchen nach dem großen Bild. Gibt es das? Natürlich.
Google will in das Geschäft mit Hardware, weil die Firma weiß, dass die Konkurrenz im Internet immer nur einen Klick entfernt ist. Hinter den Aktivitäten steckt aber noch eine weit größere Idee: Google glaubt daran, dass Daten und ihre intelligente Analyse die Zukunft bestimmen. Und seine Strategen wissen, dass die wirkliche Wertschöpfung in der Industrie nicht aus Rohstoffen rührt, sondern aus Informationen und ihrer klugen Verknüpfung. Nur logisch ist es daher, dass Google fast alles dafür tut, die Produktionsmittel in die Hände zu bekommen: In ihren Laboren basteln sie an künstlicher Intelligenz in allen ihren Ausformungen, vom Industrieroboter bis zum Thermostat. Und wenn andere schneller oder besser sind, kaufen sie die Fähigkeiten zu.
Google mag überzeugt sein, für eine bessere Welt arbeiten, wie es Verwaltungsratschef Eric Schmidt so gerne betont. Die Frage ist aber natürlich: Für wen ist sie besser? Für Menschen? Oder für Google und seine Maschinen? Oder, anders ausgedrückt: Für Google sind Menschen nur so lange wichtig, wie sie die Maschinen programmieren. Denn das Unternehmen arbeitet an vorderster Front der nächsten Welle der Automatisierung: dem Angriff auf die Wissensarbeiter und Bürojobs. Über diese erschreckende Seite des Megatrends Digitalisierung haben wir in unserer Titelgeschichte in der November-Ausgabe geschrieben.
Aber hinter der Strategie von Google steckt meiner Meinung nach noch eine andere, menschlichere Seite. Und die ist weniger in den jüngsten Akquisitionen, sondern vielmehr in den den Laboren von Google X zu beobachten. Sergey Brin und Larry Page sind Nerds. Sie wollen nicht einfach nur Geld verdienen. Es ist ihnen nicht mehr genug, lediglich eine Suchmaschine entwickelt zu haben – die zwar raffiniert ist, aber eben doch nichts weiter ist als ein schnödes Anzeigenmedium. Ausgedrückt als Eitelkeit: Sie wollen Spuren hinterlassen, die auch nach ihrem Tod noch sichtbar sind. Oder, US-amerikanisch formuliert: Sie wollen mit Technologie die Welt verändern. Also nehmen sie das Geld und wagen sich an die wirklichen Science-Fiction-Träume. Sie gründen die Planetary Ressources zur Ausbeutung von Bodenschätzen auf Kometen. Sie rufen den Lunar-X-Prize für die erste private Mondlandung aus. Sie schicken im Projekt Loon Ballons in 20 Kilometern Höhe, um entlegene Regionen ans Internet anzuschließen. Sie widmen sich Projekten, bei denen Aktienanalysten die Haare zu Berge stehen.
Und sie sind damit nicht alleine: In der US-amerikanischen Digitalwirtschaft ist eine ganze Generation an Science-Fiction-JĂĽngern an den Schaltstellen des Geldes. Amazon-Chef Jeff Bezos hat mit Blue Origin seine eigene Raumfahrtfirma gegrĂĽndet. Sie soll die Reise ins All gĂĽnstiger machen und Menschen auf Erkundungstour ins Sonnensystem schicken. Paypal-MitgrĂĽnder Elon Musk will in zehn oder fĂĽnfzehn Jahren Menschen zum Mars schicken. Sogar das Altern wollen sie aufhalten. Zu diesem Zweck haben Google und Apple vergangenen September die Firma Calico gegrĂĽndet.
Ob alle diese Pläne aufgehen, muss erst einmal dahingestellt bleiben. Die Zeitenwende, die dahintersteckt, ist aber nicht zu leugnen: Erstmals in der jüngeren Geschichte finanzieren Privatleute die großen Träume der Menschheit. Die Frage ist natürlich: Wollen wir sie ihnen wirklich überlassen? (rot)