Craig Venters große Brötchen

Der für öffentlichkeitswirksame Projekte bekannte Wissenschaftler hat erneut ein Unternehmen gegründet und hat nun nicht weniger als Krebs, Demenz und Diabetes im Visier.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Der für öffentlichkeitswirksame Projekte bekannte Wissenschaftler hat erneut ein Unternehmen gegründet und hat nun nicht weniger als Krebs, Demenz und Diabetes im Visier.

Craig Venter macht jetzt auch in Langlebigkeit. Nach der Entzifferung des menschlichen Genoms, synthetischen Zellen und Biotreibstoff produzierenden Bakterien hat der für öffentlichkeitswirksame Projekte bekannte Wissenschaftler sein neuestes Projekt angekündigt: Mit seinem kürzlich gegründeten Unternehmen „Human Longevity“ will er in riesigen Biodaten-Bergen nach den Ursachen von altersbedingten Krankheiten suchen. Daraus, so seine Hoffnung, ergeben sich auch Hinweise darauf, wie sie sich behandeln, hinauszögern und vielleicht sogar ganz vermeiden lassen. Für die New York Times fasste er das Problem in diesem griffigen Satz zusammen: „Ihr Alter ist der Hauptrisikofaktor für fast alle Krankheiten.“

Nun waren kleine Brötchen noch nie Craig Venters Ding. Ich finde es trotzdem erstaunlich, dass er sich nicht erstmal eine Krankheit herausgepickt hat. Nein, es geht um gleich einige der komplexesten Krankheiten, an denen sich die Medizin zum Teil seit Jahrzehnten die Zähne ausbeißt – zum Beispiel Krebs, Diabetes, Herzkrankheiten und Demenz. Das ficht Venter nicht an. „Wir hoffen, zahlreiche Neuentdeckungen zu machen, die sich in der Präventiv-Medizin nutzen lassen“, sagte Venter laut Reuters kürzlich in einer Telefonkonferenz. Das werde große Auswirkungen für die Kosten in der Medizin haben.

Venters Mitgründer und Vizechef Peter Diamandis, der als Initiator der X-Prize-Stiftung auch kein Leisetreter ist, formuliert es ähnlich plakativ: Auch wenn das Ziel natürlich nicht ewiges Leben sei, peile man durchaus ein Alter von „100 Jahren als die nächsten 60“ an. Vom dritten Gründer, dem Stammzellen-Experten Robert Hariri habe ich bisher keine markigen Sprüche gelesen. Ich frage mich nur, ob jemand Venter in der Telefonkonferenz folgende Frage gestellt hat: Welche Fortschritte hat es inzwischen gegeben, um aus den kombinierten Gen- und anderen Biodaten-Bergen praktisch nutzbare Erkenntnisse zu gewinnen? Die Kollegen der Times haben jedenfalls nichts dazu geschrieben – und soweit ich es gesehen habe, auch sonst niemand.

„Human Longevity“ hat sich nicht weniger vorgenommen als pro Jahr 40.000 menschliche Genome von kranken sowie gesunden Menschen zu sequenzieren und diese Daten mit weiteren Gesundheitsparametern der Personen wie Blutwerten zu kombinieren. Später sollen es pro Jahr sogar 100.000 Genome sein. Darüber hinaus wollen Venter und seine Mitstreiter bei allen Probanden die DNA ihrer Darm-Bakterien entziffern lassen, die bekanntlich eine große Rolle für Gesundheit wie Krankheit ihrer Wirte spielen.

Ja, man kann wie Venters Firma mit den neuesten Next-Generation-Sequenzierern noch schneller und mit 1000 Dollar pro Genom billiger noch mehr Daten gewinnen. Doch das alles ist wertlos, wenn man sie nicht auswerten kann. Dann wäre auch Venters Ziel hinfällig, Daten an die Pharmaindustrie zu verkaufen. Mit diesem Vorhaben ist er laut der Times schon einmal gescheitert – als er mit Celera Genomics das Humangenom entziffert hat. Weil damals das Human Genome Project parallel lief und sämtliche Daten veröffentlichte, blieb Venter auf seinen sitzen. Auch jetzt ist er nicht der erste, der solche Daten sammelt. Weltweit sind bereits ungezählte Forschungsprojekte und Unternehmen damit beschäftigt. Mal sehen, ob – und wenn ja welches – lange Leben „Human Longevity“ beschieden ist. (vsz)