Länger leben – warum nicht?
Weshalb jagt uns eine längere Lebensdauer eher Angst ein, als dass wir ihr erwartungsfreudig entgegen blicken?
- Hedwig Unterhitzenberger
Weshalb jagt uns eine längere Lebensdauer eher Angst ein, als dass wir ihr erwartungsfreudig entgegen blicken?
Einer meiner Professoren führte neulich eine kleine Umfrage durch: „Wer würde eine Pille nehmen, die den Alterungsprozess stoppt?“ Nur drei Hände gingen hoch – von insgesamt fast 40 Studenten. Das Ergebnis erscheint mir vernichtend gering, wenn ich bedenke, welche Aussichten diese Frage mit sich zieht.
Möglicherweise ist die Frage meines Professors gar nicht mehr so weit weg. Wenn es auch nicht unbedingt die eine Pille geben wird. Vielmehr werden wir immer besser verstehen, mit welchen medizinischen Methoden wir gegen den Alterungsprozess vorgehen können. Warum bestürzt uns dieser Gedanke so sehr?
Meine Mutter ist zum Beispiel der festen Meinung, sie wolle nicht älter als 80 werden. Das liegt im Grunde daran, dass wiederum ihre Mutter die letzten Jahre ihres Lebens nicht schön verbracht hatte und nicht mehr richtig am Leben teilnehmen konnte. Sie selbst möchte einfach nie in Abhängigkeit und Leiden enden. Allerdings geht es ja genau darum, bis ins hohe Alter gesund zu bleiben und nicht diesem Siechtum zu erliegen. Man kann doch nicht ernsthaft mehr Lebenszeit verschmähen. Momentan ist die Grenze eines Menschenlebens bei etwa 120 Jahren, wie Christoph Englert, Professor für Molekulargenetik, erklärte (s. TR 10/2010). Für Englert ist bei 120 Jahren Schluss, weil es noch keinen 130-Jährigen gab. Außerdem setzen letztlich die Gene den Rahmen dafür, wie alt wir werden.
Ich glaube: Die Tatsache, dass viele keine 100 Jahre alt werden wollen, ist tiefer begründet. Das Altern war schon immer ein Teil des Lebens und unabdingbar. Wir haben uns damit abgefunden und wenig damit auseinandergesetzt, dass wir ein Jahrhundert gesund überdauern könnten. Heutzutage sind 80-Jährige noch so fit, wie die 60-Jährigen von vor 40 Jahren. Mit 100 noch so fit zu sein wie heute mit 80 Jahren, das wäre doch wunderbar. (jlu)