Auferstanden …

Einige Jahre war es um die Groupware Scalix sehr ruhig geworden. Nach einem Management-Buy-out Ende 2013 gab es von der Firma mit der Version 12 ein Lebenszeichen. Pünktlich zur CeBIT wurde ein erstes Update 12.1 fertig, das sich mit deutlichen Anzeichen eines Neuanfangs für einen Kurztest qualifiziert.

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Von
  • Thomas Drilling
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Auch wenn die Konkurrenz inzwischen optisch schikcere Alternativen bietet, ist Scalix' Web Access immer noch eine passable Ajax-Anwendung (Abb. 1).

Die bewegte Geschichte der ambitionierten Groupware für Linux mit wechselnden Eigentümern dürfte hinlänglich bekannt sein. Ende letzten Jahres ging Scalix durch einen Management-Buy-out (MBO) in den Besitz der gleichnamigen Scalix, Inc. über. Die verfolgt unter der Regie einiger Ex-Scalix-Manager das ehrgeizige Ziel, die Software zurück zu altem Glanz zu führen. Technisch ein zwar durchaus machbares Unterfangen, ob Scalix aber angesichts des angerichteten Flurschadens bei ehemaligen Stammkunden wieder Fuß fasst, steht auf einem anderen Blatt.

Wie fast alle Linux-Groupware-Pakete ist Scalix primär als Alternative zu Microsofts Exchange konzipiert. Im Gegensatz zu Zarafa & Co. punktet der OpenMail-Nachfolger aber nicht ausschließlich unter Kostengesichtspunkten, sondern weil Exchange Schwächen im sehr großen und verteilten Umgebungen mit mehreren Tausend Mailboxen aufwies. So steht der Produktname auch für die Enterprise-Eigenschaften der Software, vor allem in puncto Skalierbarkeit. In den Jahren 2008/2009 galt Scalix unter Linux als führend und war mit seinem gut funktionierenden MAPI- und ActiveSync-Support sowie dem zukunftsweisenden Ajax-Web-Interface den damaligen Konkurrenten Zimbra oder Zarafa voraus. Dass ActiveSync bei Scalix im Vergleich zur Konkurrenz schon relativ früh reibungslos funktionierte, lag daran, dass man die Technik bei Microsoft lizenziert.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die Outlook-Unterstützung wurde Scalix 2007 nach dem Verkauf an Xandros zum Verhängnis, weil der MAPI-Support unter der Regie von Xandros mit der Unterstützung für 32-Bit-Outlook-2003 zum Erliegen kam – der Verkauf an einen Investor im Jahr 2011 brachte keine Besserung.

Bei einem Kurztest Ende 2013 präsentierte sich Scalix 12.0 zwar als rasch nachgebesserte Version 11.4.6, brachte aber immerhin den von den übrig gebliebenen Stammkunden ersehnten Support für Outlook 2007, 2010 und 2013 – wenn auch nur in der 32-Bit-Version und ohne Smartcache-Unterstützung. Ansonsten offenbarte sie, dass sich am Backend, der aufwendigen Installation sowie dem angestaubten Management-Interface (Scalix Administration Console, SAC) nichts geändert hatte – sieht man von wenigen kleineren Neuerungen im Scalix Web Access (SWA) einmal ab. Zudem offenbarte Scalix 12.0 in der deutschen Version mit falsch dargestellten Umlauten in der SAC Mängel in der Qualitätssicherung, was möglicherweise an der in UK und USA stattfindenden Entwicklung lag. Diesen Fehler weist die aktuelle Version 12.1 nicht mehr auf.

Scalix’ Collaboration Platform läuft offiziell auf Red Hat Enterprise Linux oder SUSE Linux Enterprise, lässt sich aber unter Fedora, CentOS oder openSUSE auch installieren. Die Community-Version bietet im Multi-Server-Betrieb sogar Hochverfügbarkeit und erlaubt neben einer unbegrenzten Zahl von Standard-Nutzern 10 Premium-User. Letztere sind im Scalix-Ökosystem jene, die den Outlook-Connector verwenden dürfen und damit alle Groupware-Funktionen nutzen können. Standard-Nutzern dagegen stehen lediglich POP/IMAP-Accounts zur Verfügung, einschließlich persönlichem Kalender und Zugang zum Scalix Web Access.

Weiter gibt es je eine, vollen Support umfassende, kostenpflichtige Small-Business-, Enterprise- und Hosting-Edition, Erstere nur für den Single-Server-Betrieb. An der im Wesentlichen auf der Java-Servlet-Engine Tomcat, der Datenbank PostgreSQL und LDAP basierenden Backend-Architektur sowie am Prozedere der recht aufwendigen Installation hat sich auch in der Version 12.1 nichts geändert. Allerdings haben die Entwickler am grafischen Installer gefeilt, der jetzt eine geänderte Dramaturgie aufweist. Laut Anbieter planen sie alle drei Monate ein Update und arbeiten bereits an den Versionen 12.2 und 12.3, für die sie einige radikale Änderungen sowie Erweiterungen am Backend in Aussicht stellen.

Auf der Projektseite steht die Community-Version nach kostenloser Registrierung als selbst extrahierendes Paket scalix-12.0.3-GA-enterprise-redhat-suse-intel.bin für RHEL oder SLE zum Herunterladen bereit. Der grafische Installer nimmt dem Systemverwalter zwar einen Großteil Arbeit ab, tut sich aber aktuell mit Abhängigkeiten schwer, wie der dem eigentlichen Installieren vorgeschaltete „System Check“ unter „Environment Check“ und „Dependency Check“ offenbart. Je nach gewählter Installationsart (typical oder custom) kann der Systemverwalter einzelne Komponenten abwählen oder im Block abnicken. Hier zeigt sich die durchaus zu den Stärken zählende, recht komplexe Architektur der Software. So können Systemverwalter die einzelnen Komponenten auf separate Maschinen auslagern: PostgreSQL, Tomcat samt Apache-Fundament, die Management Services (SAC), Scalix Web Access (SWA), die Such- und Indexdienste, der gewünschte Directory-Service (per Default verwendet Scalix OpenLDAP) oder das Kerberos Key Distribution Center (KDC) lassen sich auf verschiedenen Servern betreiben. Die Repräsentation des Backends, der Scalix-Server, ist selbst Cluster-fähig.

Die Voreinstellungen im Installer der Community-Version bescheren dem Anwender ein Single Server Setup. Das Zusammenspiel auf Backend-Seite ist recht typisch für einen Java-Anwendungsserver-Stack. Die Web-Service-API erlaubt den Zugriff des Web-Clients via SOAP. Scalix bringt eine eigene angepasste Tomcat-Version samt Connector mit, bedient sich aber für den Unterbau soweit möglich bei den Paketquellen der verwendeten Distribution. Momentan benötigt Scalix daher zwingend ein Java Runtime Environment, weist aber beim Systemcheck darauf hin, dass es die unter CentOS und RHEL verwendeten OpenJDK-Versionen 1.6 beziehungsweise 1.7 nicht unterstützt. Das Installieren lässt sich damit zwar mit abschließen, da Scalix OpenJDK aber nicht getestet hat und Kunden von gelegentlichen Problemen im Zusammenhang mit OpenJDK berichten, empfiehlt sich für ein Produktivsystem das Einspielen der von Scalix offiziell unterstützen Java-Versionen 6.x oder 7.x von Oracle.

Der in die Installationsroutine integrierte System Check informiert über Inkompatibilitäten und nichterfüllte Abhängigkeiten (Abb. 2).

Neben dem Open-JDK-Problem fördert der System-Check je nach Distribution weitere Hakeleien zutage, insbesondere beim Überprüfen von Abhängigkeiten. Die beim Test im Rahmen des Environment und Network Check identifizierten Schwierigkeiten lassen sich relativ einfach beheben. So unterstützt Scalix beispielsweise das unter CentOS und RHEL per Default aktivierte SELinux nicht (siehe Abb. 2). Darüber hinaus muss entweder die Namensauflösung via DNS funktionieren oder der Hostname über /etc/hosts auflösbar sein. Die existiert unter RHEL/CentOS standardmäßig nicht und ist daher bei Bedarf anzulegen, damit der System Check grünes Licht gibt.

Das Auflösen der zahlreichen Abhängigkeiten beim Dependency Check bereitet etwas Mühe, der Installer liefert aber mit „View Log“ sämtliche benötigten Informationen. Ebenso hilft es, die Installationsvoraussetzungen in der Dokumentation zu studieren. Unter CentOS resultieren die meisten Hakeleien daraus, dass Scalix bei vielen Bibliotheken und Paketen derzeit noch die 32-Bit-Versionen benötigt. Bei anderen essenziellen Komponenten wie Cyrus SASL, Python, OpenSSL, Tcl, Sendmail, GCC, glibc oder OpenLDAP genügen die zugehörigen Kompatibilitätsbibliotheken, leicht zu erkennen am Paketpräfix compat-…. Für die kommende Version 12.2 will man laut CTO Christoph Schmollmüller beim MTA einen Wechsel von Sendmail zu Postfix vollziehen und verspricht ein automatisches Auflösen der Abhängigkeiten.

Der Scalix-Installer erlaubt im Bereich „Configuration“ eine relativ komfortables grafisches Einrichten, es weist eine im Vergleich zur Version 12.0 geänderte Logik auf. Das Übernehmen der Standardeinstellungen beschert dem Nutzer ein Single-Server-Setup, das den Betrieb von Scalix-Backend (Server, Datenbank), Servlet-Engine, Management-Service und Web Access auf einer Maschine vorsieht.

Ein absolutes No-go: Der Scalix-Installer konfiguriert den seit Scalix 11.3 prinzipiell implementierten HTTPS-Zugriff für SAC und SWA nicht per Default. Somit muss der Systemverwalter für seinen Apache-Webserver momentan noch selbst SSL einrichten. Laut Scalix soll spätestens die Version 12.2 eine automatische SSL-Konfiguration erhalten. Das Umsetzen des Vorhabens, die verfügbare Version 12.1 noch zur CeBIT zu patchen, ließ sich bis Redaktionsschluss nicht verifizieren.

Gegenüber den Vorgängerversionen hat sich an der „Scalix Administration Console“ (SAC) nichts geändert, sieht man vom gefixten Bug der deutschen Lokalisierung einmal ab. Sonst ist die in puncto Look & Feel etwas betagte Nicht-Ajax-Anwendung zwar nicht besonders hübsch, erfüllt aber ihren Zweck. Scalix bietet damit weit mehr als etwa Zarafa, das ein grafisches Administrieren nur über Tools von Drittanbietern erlaubt. Alternativ steht das bekannte CLI-Interface zur Verfügung, für das in Scalix 13 ebenfalls eine Überarbeitung ansteht. Die Entwickler arbeiten sukzessive daran, SAC auf neue Techniken umzustellen, was mit Scalix 13 abgeschlossen sein soll. SAC erlaubt ein komfortables Anlegen von Benutzern, das Verwalten von Plug-ins und Ressourcen, sowie das Steuern und Loggen der beteiligten Dienste.

Zum Ausprobieren des Webmail-Clients und des Outlook-Connectors ist mindestens ein Scalix-Premium-Nutzer erforderlich. Den legt man in der SAC schnell an und versieht ihn per Checkbox mit dem Recht „Benutzer kann SWA verwenden“. Der Webmail-Client ist eine echte Ajax-Anwendung, die 2008 recht innovativ war, heute aber nicht mehr an die modernen Ext-JS/HTML5-Clients der Konkurrenz herankommt und sich optisch auf dem Niveau von Zarafas altem WebAccess bewegt (siehe Aufmacher-Screenshot). Das tut allerdings einem effizienten Arbeiten keinen Abbruch, zumal es doch die eine oder andere Neuerung gibt. So kann SWA beim Versenden von E-Mails über einen Smarthost jetzt SMTP-Authentication verwenden oder Kalender anderer Benutzer in Overlays darstellen. Ferner können Nutzer persönliche Ordner mit anderen Nutzern und Gruppen teilen, wozu der betreffende Anwender abgestufte Zugriffsberechtigungen einrichten kann.

SWA-Nutzer können außerdem neue, mit Berechtigungen versehene Ordner für E-Mails, öffentliche Nachrichten, Kalender oder Kontakte anlegen und Einträge via Drag & Drop zwischen persönlichen und öffentlichen Ordner austauschen. Außerdem lassen sich im Zuge einer Einladung Dateien anhängen. Neu in SWA ist eine Planungsansicht für das Kalendermodul, die dem Nutzer eine multiple Sicht auf die Kalender anderer Nutzer erlaubt.

Bei den Groupware-Funktionen ist SWA durchaus auf der Höhe der Zeit. So erkennt und verwaltet es Free/Busy-Informationen, hält Meeting-Anfragen automatisch mit Outlook synchron oder erlaubt Nutzern, für ihr Postfach im Menü „Extras -> Stellvertretungen“ berechtigungsabhängige Delegationen einzurichten, etwa zum Verwalten von E-Mails und Kalendern. Scalix 12.2 soll ein vollständiges Task-Management bekommen, das zwar schon fertig ist, im Rahmen des Qualitätsmanagements aber noch nicht für die Version 12.1 freigegeben wurde. Scalix 13 wird zudem ein komplett neu geschriebenes, auf neuen Techniken basierendes Web-Mail erhalten.

Beim Konfigurieren des MAPI-Connectors muss der Administrator den Menüpunkt „zusätzliche Servertypen“ verwenden und im Folge-Dialog „Scalix Server“ wählen. Mit Version 12.1 funktioniert MAPI auch mit Outlook 2007, 2010 und 2013 unter Windows ab Vista und Windows Server 2008 – und zwar anders als bei 12.0 sowohl in der 32-Bit- als auch der 64-Bit-Version. Der 64-Bit-Support für Outlook 2013 hat zwar noch Beta-Status, funktioniert aber tadellos. Ein echtes Highlight des MAPI-Connectors stellt die in Scalix 12.1 wieder enthaltene Smart-Cache-Funktion dar. Das Scalix-Management räumte auf Nachfrage ein, dass der Fokus des Entwicklungsjahres 2013 überwiegend beim MAPI-Treiber lag, wobei man viele alte „well known bugs“ beheben konnte (siehe „Alle Links“). Der neue MAPI-Treiber erfüllt den aktuellen Standard und ist weit weniger anfällig gegenüber Outlook-Updates beziehungsweise neuen Windows-Versionen. Außerdem ist der neue MAPI-Treiber stabiler und schneller.

Mehr Infos

iX-Wertung

⊕ großer Funktionsumfang, Enterprise-fähig

⊕ gute Outlook-Integration, native ActivSync-Unterstützung

⊕ grafische Administration

⊖ SSL-Support nur manuell

⊖ aufwendige Installation

⊖ derzeit in Umbruchphase mit noch alten Baustellen

Technisch ist Scalix 12.1 noch auf Höhe der Zeit. Kaum erwähnenswert ist der gut funktionierende Active-Sync-Support. Sehr wohl erwähnenswert ist der endlich nachgebesserte, nahezu vollständig neu geschriebene MAPI-Support für alle Outlook-Versionen. Ein dickes Minus fährt Scalix 12.1 für den momentan nur manuell konfigurierbaren HTTPS-Support ein. Die Version 12.1 skaliert nach wie vor sehr gut und benötigt out-of-the-box im Vergleich zu Exchange relativ wenig Ressourcen. Der Scalix-IMAP-Server ist noch immer einer der schnellsten und soll zudem in Scalix 12.2 mit reduziertem Disk-I/O noch schneller werden. Außerdem punktet Scalix mit der grafischen Administrierbarkeit.

In Single-Server-Installationen gelingt das Administrieren auch mit dem derzeit noch etwas angestaubten SAC recht gut und ist weniger kompliziert als bei Exchange. Selbst in Multiserver- und Cluster-Setups funktioniert Scalix recht wartungsarm. Richtig rund läuft das erste Update nach der Wiederbelebung aber noch nicht. Die Ankündigungen des Managements machen eher neugierig auf Scalix 13 mit drastisch homogenisiertem CLI, erweitertem SAC, neuem Unterbau und neuem Web-Access. Bis dahin ist es aber noch ein Stück Weg.

arbeitet seit 15 Jahren als freiberuflicher IT- und Technik-Journalist mit Schwerpunkt Linux und Open Source.

Alle Links: www.ix.de/ix1404091 (avr)