Geschockt, gewöhnt, vergessen
Jemand interessiert? 2013 war einem aktuellen Bericht der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) zufolge das sechstwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.
- Robert Thielicke
Jemand interessiert? 2013 war einem aktuellen Bericht der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) zufolge das sechstwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Meldung steht in den Medien wie lauwarmes Bier im Supermarkt. Geschockt, gewöhnt, vergessen – dieser fatale Dreiklang der Menschheitsgeschichte greift nun auf den Klimawandel über.
Noch ist die globale Energiewende nicht richtig losgegangen, da rutscht sie schon aufs Abstellgleis. Schon 2012 hatte sich die Europäische Union von dem Ziel verabschiedet, bis 2020 ein Drittel weniger Treibhausgase auszustoßen. Fortan sollten es nur noch 20 Prozent sein. Seit Januar ist bekannt, dass Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso den Mitgliedern am liebsten gar keine derartigen Vorgaben mehr machen würde. Deutschland hat seine Rolle als Vorreiter eingebüßt: Hierzulande geht zwar die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien steil bergauf – aber seit 2011 wächst auch jene von Steinkohle und der besonders schmutzigen Braunkohle. Der Kohlendioxid-Ausstoß stieg folgerichtig sowohl 2012 als auch 2013, so die Bilanz des Umweltbundesamts.
In anderen Regionen der Welt ist der Trend noch stärker ausgeprägt: In den USA sind Windkraftwerke und Sonnenenergie durch den Fracking-Boom beim Erdgas gewaltig unter Druck. In unserer kommenden April-Ausgabe berichten wir zudem, wie der hohe Ölpreis Vorkommen selbst in den tiefsten Meeresregionen lohnend macht – und mit welch kühnen Plänen Rohstoffkonzerne die Lagerstätten ausbeuten wollen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Kohle: Die weltweite Produktion stieg von 7608 Millionen Tonnen im Jahr 2011 auf 7831 Millionen Tonnen 2012. Gleichzeitig macht eine neue Technik Furore, um aus bisher unzugänglichen Kohlelagerstätten tief unter der Erde Energie zu gewinnen: die Flöze anzuzünden, um aus den entweichenden Gasen Strom zu erzeugen. Auch wenn dabei tatsächlich weniger Kohlendioxid entweichen sollte als bei herkömmlicher Kohleverstromung – klimafreundlich ist die Variante nicht.
Der Klimawandel hat seinen Schrecken verloren, nicht weil er weniger dramatisch ausfällt als viele denken. Sondern weil viele denken, dass er so dramatisch nicht ausfallen wird. Nach dem Schrecken kommt die Gewöhnung. Und auf die Gewöhnung folgt das Vergessen. So weit ist es zwar noch nicht. Aber die müder werdende Reaktion auf Nachrichten zum Klimawandel legen eine derartige Entwicklung nahe. Es gibt nur eine Möglichkeit, das zu verhindern: Erneuerbare Energien nicht nur auf ihre schützende Wirkung vor der Erderwärmung zu reduzieren. Sondern sie als Teil einer Wirtschaftsstrategie zu sehen, die ein Land weniger abhängig von einzelnen rohstoffreichen Nationen macht. Russland mag mittelfristig ein schlechtes Beispiel sein, weil wir dessen Erdgas gerade für die Energiewende benötigen. Langfristig jedoch, wenn in Deutschland immer weniger flexible Gaskraftwerke bei Flaute und Schatten einspringen müssen, wendet sich das Blatt. Deutschland, oder zumindest die EU, hätte ihre Energieversorgung wieder selbst in der Hand. (rot)