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Eine junge skandinavische Firma will Karten mit Hilfe von Crowdsourcing genauer machen.

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Von
  • Rachel Metz

Eine junge skandinavische Firma will Karten mit Hilfe von Crowdsourcing genauer machen.

Google Street View hat seine Grenzen. Weil die aufnehmenden Autos nicht jede kleine Schotterstraße abfuhren oder mangels befahrbarer Straße nicht überall hinkamen, gibt es in der riesigen 3D-Karte noch allerhand weiße Flecken. Diese will das schwedische Start-up Mapillary schließen. Die Mitbegründer Jan Erik Solem und Johan Gyllenspetz wollen sie in einer offen zugänglichen fotografischen Karte mithilfe von Crowdsourcing erfassen. Smartphone-Nutzer lichten dazu alle Arten von Plätzen ab und sollen damit zu einer noch detaillierteren Sicht auf die Welt beitragen.

Auch Google will die Vorteile von Crowdsourcing nutzen. Der Konzern ließ sich die gemeinschaftsgenerierte Verkehrs- und Navigations-App Waze im vergangenen Jahr 966 Millionen Dollar kosten. Außerdem reichert Google seine Street-View-Aufnahmen mit Fotos von Nutzern an. Aber Solem und Gyllenspetz sehen für Mapillary trotzdem genug Möglichkeiten. Man könne es beispielsweise einsetzen, um einen Naturpfad aufzuspüren, aktuelle Fotos für Immobilienjäger anzubieten oder um Nutzern von Airbnb, einer Plattform für privat vermittelte Übernachtungsmöglichkeiten, die Umgebung der Unterkunft zu zeigen.

Solem und Gyllenspetz brachten im November 2013 eine iPhone-Version von Mapillary und im Januar eine für Android auf den Markt. Für Privatnutzer ist der Dienst kostenlos. Um Geld zu verdienen, will das Start-up in Zukunft jedoch die Daten, die seine Nutzer generieren, an Unternehmen lizenzieren. Mit der App kann jeder Fotos beim Laufen, Fahrradfahren oder Autofahren sammeln. Sobald man auf einen virtuellen Auslöser drückt, nimmt die Kamera alle zwei Sekunden ein Bild auf, bis der Knopf erneut gedrückt wird.

Dann lädt der Nutzer die Bilder über WLAN auf den Server von Mapillary. Dort verortet eine spezielle Software die Fotos mittels GPS, gleicht sie mit anderen innerhalb eines Radius von 100 Metern ab, platziert sie genau auf die Karte und reiht sie aneinander. Es dauert kaum 30 Sekunden, bis die Bilder im Web auftauchen. In dieser kurzen Zeit verwischt eine Bilderkennungssoftware wie bei Street View Gesichter und Nummernschilder.

Noch ist die Karte von Mapillary recht dürftig. Denn bis jetzt haben sich nur einige Hundert Menschen an dem Service beteiligt. Sie haben bislang jedoch 100 000 Fotomotive eingestellt – von einem Fahrradweg am Venice Beach in Kalifornien bis zu einer verschneiten Skipiste in Schweden. Die Bilder lassen sich im Web und über die Smartphone-App von Mapillary betrachten. Die Navigation durch die Fotos ist allerdings noch recht rudimentär, man tappt oder klickt sich von Bild zu Bild über Pfeile auf dem Bildschirm.

Neben technischen und gestalterischen Herausforderungen ist das größte Problem für Mapillary, eine ausreichend große Zahl an Mitstreitern zu gewinnen und einen großen Bildervorrat aufzubauen, um so weitere Nutzer zur Beteiligung zu animieren. Wichtig ist dann vor allem, sicherzustellen, dass sie dabei bleiben. Dienste wie Waze und Wikipedia, die auf Crowdsourcing beruhen, haben das erfolgreich vorgemacht.

Aber Wikipedias sinkende Zahl an ehrenamtlichen Redakteuren (siehe TR 3/2014, S. 40) zeigt, wie schwer es ist, das über lange Zeit aufrechtzuerhalten. Mapillary setzt nun auf die steigende Zahl von Smartphone-Nutzern. "Ich glaube, das Timing ist genau richtig – sowohl hinsichtlich der Entwicklung der Geräte als auch der Vernetzung rund um die Welt", hofft Solem. (bsc)