Wissen via Pille?

In 30 Jahren werden wir Informationen in Form einer Tablette aufnehmen können. Das behauptet zumindest MIT-Professor Nicholas Negroponte. Da ging wohl der Optimismus mit ihm durch.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 2 Min.
Von
  • Hedwig Unterhitzenberger

In 30 Jahren werden wir Informationen in Form einer Tablette aufnehmen können. Das behauptet zumindest MIT-Professor Nicholas Negroponte.

MIT-Professor Nicholas Negroponte ist ein Urgestein der TED – einer jährlichen Fachkonferenz für Technologie, Unterhaltung und Design. Er trat schon 1984 bei der ersten Konferenz in Kalifornien auf. Damals traf er mit seinen Prognosen definitiv ins Schwarze: „Stellt euch einen Bildschirm vor, der berührungs- und druckempfindlich ist. Auf dem Bildschirm befinden sich mehrere Objekte. Eine Person berührt ein Objekt und kann es mit ihren Fingern bewegen.“ Zur Erinnerung: Computer-Bildschirme pflegten damals grün und schwarz zu sein, die erste graphische Benutzeroberfläche kam mit dem Apple Macintosh gerade erst auf den Markt. Windows kam erst ein Jahr später. Insofern ist die Vorhersage von Touchscreens eine beachtliche Leistung. Außerdem sagte er damals schon die Entstehung von E-Books bemerkenswert detailliert voraus.

Seine aktuelle These für die nächsten 30 Jahre klingt jedoch so abwegig, dass man sich fragen muss, ob sie wirklich ernst gemeint ist: „Man wird eine Tablette schlucken und beispielsweise Englisch beherrschen. Die Informationen werden über die Blutbahnen ins Gehirn gelangen und sich an der richtigen Stelle absetzen“, sagte der berühmte Informatik-Professor vor zwei Wochen bei der TED-Jubiläums-Konferenz in Vancouver. Da frage ich mich: Wie bekommt man denn Informationen in eine Tablette gepresst? Und wie sollen diese Informationen unbeschädigt durch Magen und Darm in die Blutbahn wandern und sich im Gehirn wieder richtig zusammensetzen?

Der einzige Beleg seiner These: „Ich habe mit Ed Boyden und Hugh Herr rumgehangen“ – und die hätten versichert, das sei nicht weit hergeholt. Beide mögen ja renommierte Forscher des MIT sein. Der Neurowissenschaftler Edward Boyden beschäftigt sich vor allem mit Optogenetik und der Beeinflussung der Gehirnaktivität. Hugh Herr, der bei einem Kletterunfall beide Beine verlor, arbeitet als Biophysiker an intelligenten Prothesen und Exoskeletten. Aber beide haben sich nie zu dem Thema geäußert und auch noch keine seriöse Veröffentlichung dazu publiziert. Bei allem Respekt vor der bisherigen Weitsicht von Negroponte: Meiner Meinung will er diesmal mit seiner plakativen Behauptung vor allem für Schlagzeilen sorgen. (grh)