Ăśbertriebene Angst
Forscher haben das erste künstliche Chromosom hergestellt. Die Tat ist ein großer Schritt für die synthetische Biologie – aber kein Grund zur Furcht vor dem Designer-Menschen.
- Hedwig Unterhitzenberger
Forscher haben das erste künstliche Chromosom hergestellt. Die Tat ist ein großer Schritt für die synthetische Biologie – aber kein Grund zur Furcht vor dem Designer-Menschen.
Das Team um Jef Boeke, Professor des New York University Langone Medical Centers, hat erstmals ein funktionsfähiges Chromosom des Backhefe-Zellkerns hergestellt. Dieses entspricht bloß in etwa seinem Vorbild: Es besitzt nur die Gene, die zum Überleben im Labor und zur Vermehrung notwendig sind. Außerdem haben die Wissenschaftler die Erbinformation gezielt verändert.
Im nächsten Schritt will das Forscherteam weitere Chromosomen der Backhefe herstellen sowie nach schnelleren und billigeren Syntheseverfahren suchen. Gelingt ihnen das, wäre der Weg zu einem neuen Massenmarkt geebnet. Die synthetische Backhefe könnte dann als Zellfabrik für komplett neue Substanzen dienen oder bisherige Produktionsverfahren günstiger machen. Den Forschern schwebt beispielsweise die Herstellung von Impfstoffen gegen Hepatitis B oder Biokraftstoffen vor.
Wenn es den Wissenschaftler als nächster Schritt gelingt, eine Hefezelle mit komplett künstlichem Erbgut nachzubilden, werden sie auch eine tierische oder pflanzliche Zelle im Labor erzeugen können. Hefe teilt rund ein Drittel der 6000 Gene mit dem Menschen. Ist das also der erste Schritt zum gen-designten Menschen?
Für meinen Geschmack ist diese Angst viel zu groß. Schließlich bestimmen wir immer noch selbst, wo die Grenze zu ziehen ist. Bevor der erste Gen-Mensch entsteht, wird die große Mehrheit „Stopp!“ rufen. Auch wenn es das erste Chromosom eines Eukaryoten – eines Lebewesens mit Zellkern – ist, es geht hier um Hefe. Wir sollten nicht die darin liegende Chance opfern für eine Gefahr, die vielleicht im überübernächsten Schritt lauert. (rot)