Der Mess-Wein

Wer erstklassigen Rotwein produzieren will, braucht Fingerspitzengefühl – oder die richtigen Sensoren. Ein französisches Unternehmen stattet Weingüter in aller Welt mit Messfühlern aus, um die Reben exakt zu überwachen.

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Von
  • Christian Buck
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Wer erstklassigen Rotwein produzieren will, braucht Fingerspitzengefühl – oder die richtigen Sensoren. Ein französisches Unternehmen stattet Weingüter in aller Welt mit Messfühlern aus, um die Reben exakt zu überwachen.

Thibaut Delcroix beugt sich nach unten und schiebt vorsichtig einige Blätter beiseite. Und da sind sie: prächtige Syrah-Trauben, dicht bestückt mit dunkelblauen Beeren. Auf ihnen ruht die Hoffnung der Weinproduzenten vom Gut L'Ostal Cazes nahe beim südfranzösischen Dörfchen La Livinière – sie sollen den Rotwein des Jahrgangs 2013 zu einem besonders hochwertigen Tropfen machen und möglichst viele Kunden dazu animieren, bis zu 20 Euro pro Flasche für den Rebensaft aus dem Anbaugebiet Minervois-La Livinière im Languedoc auszugeben.

Dazu wollen Delcroix und sein Arbeitgeber einen entscheidenden Beitrag leisten: Der promovierte Weinbauer arbeitet für das Unternehmen Fruition Sciences, das seinen Sitz gut zwei Autostunden entfernt in Montpellier hat und das Weingut bei der exakten Dosierung der Bewässerung mit Hightech unterstützt. Aber warum ist das so wichtig? "Bei den meisten Früchten wollen die Landwirte die Ausbeute maximieren, und darum geben sie den Pflanzen so viel Wasser wie möglich", erklärt Sébastien Payen, einer der beiden Gründer von Fruition Sciences. "Im Fall der Trauben liegen die Dinge aber völlig anders: Ihre Qualität hängt nicht von der Größe ab – denn vor allem beim Rotwein befinden sich die wichtigen Inhaltsstoffe hauptsächlich in der Schale."

Wer seine Reben großzügig bewässert, bekommt zwar große Trauben – aber zugleich ein ungünstiges Verhältnis von Volumen zu Schale. Das bedeutet: viel Wein von mäßiger Qualität. Allzu großer Wassermangel ist allerdings auch schlecht für die Ausbeute: Dann werden die Trauben zu klein und produzieren ungenießbaren Wein. Im schlimmsten Fall geht die Pflanze zugrunde. Gesucht ist also die optimale Bewässerungsstrategie, die möglichst viele Trauben von erstklassiger Qualität liefert. Genau das verspricht Fruition Sciences seinen Kunden: Das Unternehmen hat einen Sensor entwickelt, der permanent den Wasserfluss in die Reben misst. Kombiniert man diese Messwerte mit meteorologischen Daten, lässt sich der "ungestillte Durst" der Pflanze berechnen.

Wie das in der Praxis aussieht, demonstriert Thibaut Delcroix direkt vor Ort im Weinberg. Er geht einige Meter zwischen den Reben weiter und zeigt auf eine Pflanze, deren Stamm und untere Äste mit Alufolie und gelbem Klebeband umwickelt sind. Hinter dieser Abschirmung arbeitet der Sensor von Fruition Sciences: Er besteht aus einer Manschette, die um einen Ast gelegt ist. In ihrer Mitte enthält sie ein Heizelement, daneben je einen Temperaturfühler. "Würde kein Wasser durch die Pflanze fließen, wäre die Temperatur auf beiden Seiten gleich groß", so Delcroix. "Strömt das Wasser aber durch den Ast, transportiert es die Wärme aus dem Heizelement von einem Sensor zum anderen – darum misst der eine Temperaturfühler dann eine höhere Temperatur als der andere. Und je höher der Wasserfluss durch die Pflanze ist, desto größer ist auch diese Temperaturdifferenz."

Zwei Sensoren auf einer Anbaufläche von etwa einem oder zwei Hektar genügen, um dort die Bewässerung zu optimieren. Sie liefern ihre Messwerte per Kabel an einen Datenlogger in einem blauen Zylinder, der sich einige Meter weiter hinter dichtem Blattwerk versteckt und nur durch das herausragende Solarpanel für die Stromversorgung auf sich aufmerksam macht. Diese Sammelstelle für Messwerte speichert die anfallenden Informationen über den Wasserfluss, bis Delcroix sie alle paar Tage auf einen USB-Stick lädt und zur Auswertung mit ins einige Kilometer entfernte Büro nimmt. Der Datentransfer lässt sich aber auch automatisieren: Viele Kunden von Fruition Sciences schicken die Daten drahtlos in die Cloud und können dann über ihre Computer, Tablet-PCs oder Smartphones immer und überall auf die aktuellen Werte und die ebenfalls auf dem Server von Fruition Sciences liegenden Wetterdaten zugreifen.

Sébastien Payen führt vor, was sie dann auf ihren Bild-schirmen zu sehen bekommen. Er loggt sich in seinem winzigen Büro im Montpellier International Business Incubator, neben Oakland der zweite Firmensitz von Fruition Sciences, in seinen Server ein und zeigt auf ein Diagramm mit vielen bunten Kurven – es stellt die Messwerte der Reben aus La Livinière dar. "Die rote Linie zeigt die Wasseraufnahme der Pflanze im Verlauf der Zeit", erklärt der promovierte Maschinenbau-Ingenieur. "Die grüne Kurve stellt den Bedarf der Pflanze dar. Wir errechnen ihn aus Wetterdaten wie der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit, der Sonnenstrahlung und der Windstärke." Bekommt sie weniger Wasser, als sie wegen der aktuellen Wetterlage eigentlich bräuchte, gerät die Rebe in Stress. Und diesen Stress können die Winzer mit einem Blick auf Payens Kurven genau dosieren: Wenn der Abstand zwischen der grünen und der roten Kurve einen bestimmten Wert erreicht, sollte der Winzer seine Reben bewässern. Vorher heißt es aber: eisern eine moderate Wasserdiät einhalten.