Wenn Wort-Tropfen zum Schwall werden

Wie soll man schneller lesen lernen, wenn der Text als Ein-Wort-Ticker durchläuft? Ich habe die neue Methode „Spritz“ ausprobiert.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Wie soll man schneller lesen lernen, wenn der Text als Ein-Wort-Ticker durchläuft? Ich habe die neue Methode „Spritz“ ausprobiert.

In Abwandlung des Eleanore-Roosevelt-Zitats „Tun Sie jeden Tag etwas, das Ihnen Angst macht“ habe ich etwas ausprobiert, das mich voraussichtlich nerven würde: Die Schnell-Lese-Methode „Spritz“ des gleichnamigen Bostoner Start-ups. Ganz anders als bei bisherigen Methoden ist hier immer nur ein Wort zu sehen. Der Text läuft quasi als extrem kurzer Ticker durch. Einer der mittleren Buchstaben ist dabei stets rot gefärbt. Die Logik dahinter: Auf diese Weise verschwendet das Auge keine Zeit mit dem sonst üblichen Hin-und-Hergefahre zwischen den Zeilen, sondern guckt immer auf dieselbe Stelle. Kein Durchlaufen ganzer Sätze und keine lustigen Konzentrationübungen wie bei "Schneller Lesen" (s. TR 1/14, S.19).

Im grummelte schon im Voraus. Ich lasse nämlich gerne den Blick über bedruckte Seiten schweifen. Ich habe meine individuellen Vorliebe für bestimmte Schrifttypen, Zeilenabständen und die generelle Anordnung von Text auf einer Seite. Ein schönes Layout steigert eben das Lesevergnügen. All das würde mir Spritz wegnehmen. Ich würde auch nicht mehr selbst entscheiden können, langweilige Abschnitte zu überspringen.

Doch dann überraschte mich die Demo-Seite. Ich gewöhnte mich ziemlich schnell an die minimalistische Darstellung. Das einzige Nervige blieb, dass längere Worte wie „durchschnittlich“ geteilt werden. Das fiel mir auch bei wachsender Lesegeschwindigkeit immer noch auf. Da steckt vermutlich dieselbe Logik dahinter, das Auge soll sie nach Möglichkeit nicht bewegen. Dieses Feature ist also etwas übertrieben. Die Lesegeschwindigkeit kann man – auch auf Deutsch – zwischen 250 und 600 Worten pro Minute stufenweise einstellen. 250 WPM sind laut Demo-Text etwas mehr als die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit. Ich pendelte mich bei 400 ein, ohne dass ich das Gefühl hatte, etwas vom Sinn zu verpassen.

Meine Befürchtung, als notorischer Querleser könnte ich nicht mehr so schön springen, konnte ich aber leider nicht testen. Denn Spritz gibt es nicht als App. Die Entwickler würden es gerne sehen, wenn ihr System von Webseiten-, App- und E-Book-Machern und so weiter überall eingebaut wird. Samsung soll bereits interessiert sein, das System in kommenden Handy-Modelle zu integrieren. Ich könnte mir aber vorstellen, dass man eben lernt, den Text horizontal durchrauschen zu lassen – solange, bis die Aufmerksamkeit wieder an einem Wort hängenbleibt. Denn beim Diagonallesen läuft das doch letztlich auch so. Ebenso wenig kann ich ausprobieren, ob meine Augen schneller ermüden als sonst.

Wo aber braucht man das wirklich? Würde ich E-Books so lesen wollen? Ich bin nicht ganz sicher. Mein Bauch sagt, Romane will ich lieber so genießen wie bisher. Bei Beruflichem hätte schneller Lesen natürlich einen handfesten Vorteil. Aber vielleicht denke ich da doch nochmal drüber nach. Denn ich kann mich nicht gleichzeitig darüber beklagen, dass ich nicht genug Zeit habe, alles Spannende zu lesen was ich entdecke. Die Zeitblasen, die ich mir dafür mal gewünscht habe, wird es so schnell nicht geben. (vsz)