Hannover Messe 2014: Industrie 4.0 dank der Fabrik der Zukunft

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte haben am Sonntagabend die Hannover Messe 2014 eröffnet. Auf der weltweit größten Industriemesse präsentieren sich bis Freitag rund 5000 Aussteller aus 65 Ländern.

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  • Peter-Michael Ziegler

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte haben am Sonntagabend die Hannover Messe 2014 eröffnet. Bis kommenden Freitag (11. April) zeigen rund 5000 Aussteller aus 65 Ländern neue Produkte und technischen Innovationen – von taktilen Fertigungsrobotern über 3D-Konstruktionslösungen bis hin zu hüpfenden Hightech-Kängurus. Zu den thematischen Schwerpunkten der weltweit größten Industrie-Show gehören die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung von Fabriken (Stichwort: Industrie 4.0 bzw. Integrated Industries), die Erzeugung, Übertragung und Verteilung von Energie per intelligentem Stromnetz (Smart Grids) sowie Elektromobilitätslösungen.

Diesjähriges Partnerland der Hannover Messe ist Holland. Unter dem Motto "Global Challenges, Smart Solutions" konzentrieren sich etwa 250 niederländische Aussteller in diversen "Dutch Solutions"-Pavillons. Messeangaben zufolge handelt es sich um die größte Beteiligung von Industrie und Wissenschaft des Nachbarlandes auf einer Messeveranstaltung außerhalb der Niederlande. Gezeigt wird beispielsweise das Traktor-Konzept "Multi Tool Trac", den mehrere Ackerbauern aus den Niederlanden entwickelt haben. Eigenen Angaben zufolge handelt es sich dabei um den "weltweit ersten Systemschlepper mit Elektroantrieb". Zu sehen ist der "Multi Tool Trac" im Mobilitec-Bereich in Halle 27.

Hannover Messe 2014 – ein Rundgang in Bildern (16 Bilder)

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Rund 5000 Aussteller aus 65 Ländern zeigen auf der Hannover Messe 2014 neue Produkte und technische Innovationen für den Industriebereich. (Bild: Peter-Michael Ziegler)

In ihrer Eröffnungsrede im Hannover Congress Centrum (HCC) wies Bundeskanzlerin Merkel auf die Bedeutung der Beziehungen zwischen beiden Ländern hin. "Viele wissen nicht, dass die Niederlande nach Frankreich unser zweitgrößter Handelspartner sind, 25 Prozent der holländischen Exporte gehen nach Deutschland." Hollands Ministerpräsident Rutte erinnerte in seiner Ansprache an die vielen Erfindungen, die die Niederlande hervorgebracht hätten, vom Mikroskop über die künstliche Niere bis hin zu CD, Bluetooth und WLAN. Und was ebenfalls kaum jemand weiß: Rund 65 Prozent aller in Elektronikgeräten verbauten Chips entstammen fotolithografischen Systemen des niederländischen Konzerns ASML.

Globales Event

Recht dürftig fällt in diesem Jahr die Präsenz russischer Aussteller aus: Nach einer Rekordbeteiligung im vergangenen Jahr (Russland war nach 2005 zum zweiten Mal Partnerland der Hannover Messe) mit über 160 Firmen, haben 2014 gerade einmal 60 russische Institutionen und Unternehmen den Weg nach Hannover gefunden. Dabei hatte Staatspräsident Wladimir Putin in seiner Eröffnungsansprache vor Jahresfrist noch dafür geworben, dass Deutschland und Russland ihre Zusammenarbeit "weiter ausbauen", um "gemeinsam neue Erfolge" zu erreichen. Heute zeigt sich, wie fragil Wirtschaftsbeziehungen sein können, wenn machtpolitische Differenzen das Verhältnis trüben.

Zweitgrößte Ausstellernation nach Deutschland ist China, das 2014 mit mehr als 500 Unternehmen vertreten ist. Auf dem Weltmarkt der Automatisierungstechnik wolle die Volksrepublik künftig eine gewichtige Rolle spielen – es zeichne sich ein Wandel von "Made in China" zu "Created in China" ab, erklärte Jochen Köckler, Vorstand der Deutschen Messe AG im Vorfeld der Hannover Messe. Dabei würden Milliardenbeträge in die Produktionsforschung investiert. Was vor allem die deutsche Wirtschaft interessieren dürfte: Denn als Marktführer in den Segmenten Maschinen- und Anlagenbau sowie Elektrotechnik setzt Deutschland künftig unter dem Begriff Industrie 4.0 auf hochintegrierte, über das Internet miteinander vernetzte Produktionsprozesse, die Zulieferfirmen, Vertrieb und Kundenbetreuung inkludieren.

Der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, kam am Sonntagabend die Aufgabe zu, dem Langener Unternehmen SAG den diesjährigen Hermes Award für innovative technische Produkte und Verfahren zu überreichen. Ausgezeichnet wurde SAG für das Produkt iNES, ein Netzmanagementsystem, das die Umrüstung konventioneller Niederspannungsnetze in intelligente Smart Grids ermöglicht. In bestehende Ortsnetze wird dabei in mehreren Ausbauschritten ein weitgehend autark arbeitendes Mess- und Regelsystem integriert, das Einspeise- und Lastflusssituationen in Echtzeit kontrolliert und kritische Abweichungen durch automatisierte Steuerung der eingebundenen Energieverbraucher und -erzeuger beheben kann.

Der Hermes Award wird seit 2004 verliehen und ist offiziell mit 100.000 Euro dotiert. Allerdings bekommt SAG das Geld nicht ausgezahlt, sondern das Unternehmen erhält ein PR-Paket der Messe, für das sonst viel Geld bezahlt werden müsste. Kriterien beim Hermes Award sind der technologische Innovationsgrad eines Produkts, seine Wirtschaftlichkeit sowie ein Realitätstest in der industriellen Anwendung. SAG konnte sich mit iNES gegen vier Mitbewerber durchsetzen - das Votum der Jury sei einstimmig gewesen, erklärte Prof. Wolfgang Wahlster, Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI).

Ein im Zusammenhang mit Industrie 4.0 wiederholt angesprochenes Thema der Eröffnungsfeier war der Netzausbau. "Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, ist der Ausbau von hochleistungsfähigen Breitbandnetzen unerlässlich", sagte Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI): "Breitband ist der Treiber der digitalen Wirtschaft." Bundeskanzlerin Merkel forderte die Anwesenden auf, die Schaffung eines digitalen Binnenmarktes in Europa zu unterstützen. "Als einzelnes Land schaffen wir das nicht", unterstrich die Kanzlerin.

Anfassen und Mitmachen

Besucher der Hannover Messe erwartet ein vielfältiges Programm, das auch zum Anfassen und Mitmachen einlädt. So können beispielsweise auf einem E-Mobil- und E-Bike-Track im Freigelände verschiedene Fahrzeugmodelle (rein batteriebetriebene Fahrzeuge, Hybridmodelle sowie Wasserstoff- und Brennstoffzellenfahrzeuge) selbst ausprobiert werden. Fachleute informieren über die jeweiligen Funktionsweisen. Bei Festo (Halle 15) springt nicht nur ein pneumatisch-elektrisch angetriebenes Beuteltier in der Gegend herum – der Esslinger Automatisierungsspezialist zeigt auch anhand mehrerer Exponate, wie sich Supraleiter für das berührungslose Schweben von Objekten einsetzen lassen. Über dem Stand kreisen zudem autonom agierende Ballons mit Propellerantrieb.

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Anders als etwa bei der CeBIT vor einem Monat steht der Besuch der Hannover Messe allen Personen offen, auch Kindern und Jugendlichen. An der Tageskasse kosten Einzeltickets 35 Euro, bei einem Online-Kauf sind 28 Euro zu entrichten. Schüler, Studenten, Auszubildende sowie Absolventen von Freiwilligendiensten zahlen 15 Euro (nur Tageskasse). Kinder bis 6 Jahre haben freien Eintritt. Die Messetickets gelten zudem als Fahrausweise im gesamten Streckennetz des GVH-Verkehrsverbunds (Großraum-Verkehr Hannover). Die Verkehrsbetriebe setzen zusätzliche Stadtbahnzüge ein, sodass Besucher das Messegelände ab Hauptbahnhof im 5-Minuten-Takt erreichen

Mehr Aktuelles von der Hannover Messe und zur Fabrik der Zukunft finden Sie in einem Special von Technology Review. (pmz)