Die Angst des Tormanns vor der Multiperspektive
Eine Mehrheit der deutschen Bundesliga-Profiklubs stimmte gegen die Einführung der automatischen Tor-Erkennung. Gefährdet die Technik den Sport?
- Peter Glaser
Eine Mehrheit der deutschen Bundesliga-Profiklubs stimmte gegen die Einführung der automatischen Tor-Erkennung. Gefährdet die Technik den Sport?
Rund 170.000 Euro im Jahr hätte es jeden der Fußballvereine gekostet, Phantomtore und Wahrnehmungsfehler a la Wembley mit technischer Hilfe auszuschließen. Vielen Clubs war das zu teuer. Zudem wolle man das Spiel nicht mit Technik überladen, der Fußball solle von Menschen bestimmt bleiben.
Tatsächlich ist die vermeintliche Schwäche des Schiedsrichters seine große und einzige Stärke: Nur die Fähigkeit, typisch menschliche Fehler machen zu können, schützt ihn vor der anrückenden Konkurrenz technischer Mittel und der Gefahr, schlicht wegrationalisiert zu werden. Was spräche dagegen, nach den unzuverlässigen menschlichen Schiedsrichtern im nächsten Schritt auch die menschlichen Spieler aus dem Match verschwinden zu lassen und RoboCup-trainierten Maschinen den Vorzug zu geben, die besser und präziser kicken als ihre biologischen Vor-Läufer?
Was würde passieren, wenn der Schiedsrichter automatisiert würde? Sieht man von der Abseitsregel einmal ab, ist das Regelwerk des Fußballs durchsichtig wie eine Eiskugel. Das macht sein Erfolgsgeheimnis aus. Zugleich verlockt genau diese Übersichtlichkeit dazu, die Einhaltung der Regeln Kontrollchips, Sensoren und Kameras zu überlassen. Für ein Spiel wie Fußball aber wäre zu viel technische Aufrüstung tödlich.
Beim Stierkampf würde es auch keinen Sinn machen, der Modernisierung der Waffentechnik zu folgen und den Torero statt mit Tuch und Degen mit einer Maschinenpistole auszustatten. Allzu leichter Gewinn verdirbt die Freude am Spiel. Der amerikanische Philosoph William James sagte einmal, wenn das einzige Ziel des Fußballspiels darin bestünde, den Ball ins Tor zu bringen, dann wäre die einfachste Art zu gewinnen, den Ball in einer dunklen Nacht heimlich dorthin zu tragen.
Künstler ahnten schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts voraus, was kommen wird. So zeigten Dadaisten und Kubisten in ihren Bildern die Erscheinungen der Welt von mehreren Seiten zugleich. Ein Gesicht von Picasso entfaltet erst heute seine ganze Modernität – in einer Zeit, in der Fußballstadien umstellt sind von Kameras und Bildanalyse-Software.
Der Schiedsrichter beim Fußballspiel steht sinnbildhaft für die alte Zeit. Er ist mit seiner singulären Sicht auf dem Spielfeld in einer wesentlich schlechteren Position als jede Couchkartoffel vor dem Bild. Der Schiedsrichter betrachtete die Welt immer noch von einem individuellen Standpunkt aus, der für einen steinzeitlichen Jäger einst wichtig war, um seine Beute anzuvisieren. Heute aber lässt er einen hoffnungslos der elektronischen Multiperspektive gegenüber ins Hintertreffen geraten.
In kritischen Situationen auf dem Spielfeld muss der Schiedsrichter aus seiner subjektiven Position heraus entscheiden, obwohl ihn eine omnipräsente TV-Objektivität umgibt. Der Zuschauer sieht im Lauf der nächsten Sekunden die Situation aus einem halben Dutzend unterschiedlicher Kamerapositionen, in Zeitlupe und computerunterstützt wiederholt und kann sich ein – dem Fußball angemessenes – rundes, ganzheitliches Bild machen.
Im übrigen würde die Torlinientechnik wohl auch einer Befriedung des Spiels dienen. Im November 2004 verfolgte der Club-Präsident des moldawischen Zweitligisten Roso Floreni den Schiedsrichter wegen einer vermeintlichen Fehlentscheidung minutenlang mit dem Auto über den Rasen; erst durch einen Sprung auf die Tribüne konnte der Gejagte sich in Sicherheit bringen. Das Spiel wurde nach dem Vorfall abgebrochen und mit 3:0 für die gegnerische Mannschaft gewertet. (bsc)