Das schleichende Ende des japanischen Gadgetismus

Fernseher, Handys, Tablets, Wearable Computing – in vielen Bereichen hat der einstige Pionier der Unterhaltungselektronik Rivalen die Führung überlassen. Das heißt allerdings nicht, das Nippon weniger innovativ geworden wäre.

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Von
  • Martin Kölling

Fernseher, Handys, Tablets, Wearable Computing – in vielen Bereichen hat der einstige Pionier der Unterhaltungselektronik Rivalen die Führung überlassen. Das heißt allerdings nicht, das Nippon weniger innovativ geworden wäre.

Hideyuki Saso ist einer der Vordenker Japans – quasi qua Amt. Als neuer Chef des Fujitsu Laboratories muss er dafür sorgen, dass Fujitsus global verstreute Entwickler in Japan, den USA, London, München und Shanghai Erfindungen machen, die das Unternehmen auch noch mit Gewinn verkaufen kann.

Notebooks, Handys und andere vollständige Hardwareprodukte für Endkunden sucht man dagegen vergeblich auf dem jährlichen Tag der Offenen Tür bei Fujitsu Labs in Kawasaki, dessen letzte Ausgabe ich gerade hinter mich gebracht habe. Auch der muntere Roboterteddy, der 2013 noch filmreif knurrte, ist zum Zirkuswesen auf Ausstellungen degradiert worden. Stattdessen dominiert Technik, die Firmenkunden in verschiedensten Bereichen begeistern soll.

Aus gutem Grund: Um im teuren Innovationswettlauf in der Unterhaltungselektronik mit Samsung und LG mithalten zu können, sei eine Steigerung der Investitionen eine Möglichkeit, meinte Saso. "In andere Bereiche zu investieren, ist eine andere." Und Fujitsu geht den zweiten Weg mit einer Konsequenz, die das Unternehmen zu einem Trendsetter der japanischen Elektronikindustrie beim Wandel weg von der Gadgetschmiede hin zum Anbieter von "Solutions" macht.

Der Abschied vom Gadgetismus ist allerdings kein Abschied aus den Trendtechniken. Ein Bereich, in dem der Konzern stark bleiben will, sind Bedienoberflächen für mobile Geräte im weitesten Sinn. Für großes Interesse sorgte dieses Jahr bereits das haptische Display, das Fujitsu auf dem Mobile World Congress in Barcelona vorstellte. Mit Hilfe von Ultraschallbewegungen des Displays wirkt der Schirm entweder eisglatt, gerippt oder rau. Die Technik soll ab Mitte 2015 an Tablethersteller ausgeliefert werden.

Erstmals ausgestellt wurde zudem ein Verfahren, das ich vor zwei Wochen beschrieb: der Sprachsynthesizer, der eingetippten Text kontextabhängig aussprechen kann. Brüllend in lauter Umgebung, sorgenvoll bei Risiko, warnend bei Gefahr im Verzug. "Wenn die Sprachsoftware eine Warnung mit der bisher typischen monotonen Stimme ausgibt, klingt es ja nicht wie eine Warnung", meinte Toshiyuki Fukuoka, Direktor des Bereiches Sprachforschung bei den Fujitsu Labs. Als Anwendungen für die natürliche(re) Sprachausgabe schweben ihm Autonavigationssysteme, die Bedienung von Maschinen und eLearning vor. Man stelle sich vor, der virtuelle Lehrer fängt mit seinem Schüler an zu schimpfen! Eine nette Idee.

Aber in dem schlichten Betongebäude, das Fujitsus Hightechschmiede beherbergt, gab es auch weitere interessante Weltpremieren zu studieren. Das Labor der Firma in China beispielsweise hat eine Überwachungskameraanwendung für Förster entwickelt, die automatisch Waldbrände in einem fünf Kilometer Umkreis entdecken, das Feuer wie die Rauchentwicklung analysieren und für die Retter auch bei schlechter Sicht visualisieren kann. Das System soll noch in den kommenden sechs Monaten auf den Markt kommen, sagte Abteilungsleiter Akihiro Higashi – zuerst in Japan, Kalifornien und Australien. Aber auch Indonesien steht schon auf der Liste.

Darüber hinaus will Fujitsu den Einzelhändlern helfen, uns Verbrauchern zum Zwecke der Gewinnmaximierung preiswert tiefer in die Käuferseele zu schauen. Eine neue Technik verfolgt am Kaufhausregal, auf welche Produkte wir wie lange und in welcher Reihenfolge unsere Augen richten. Die Idee ist nicht wirklich neu, gesteht ein Forscher ein. Aber bisher mussten dafür teure, hochauflösende Kameras verwendet werden. Fujitsu hat die Erkennung der Iris so weit verbessert, dass ein kleines, etwa fünf Zentimeter langes Kameramodul mit der mickrigen Auflösung einer Webkamera reicht. Der Masseneinsatz dieser Technik steht vor der Tür, und damit die Verwirklichung eines Vermarktertraums: Ich schau' dir in die Augen, Kleiner – und sage Deinem Kaufhaus, was du wirklich willst, bevor Du es selber weißt.

Eine andere Idee, die Dämme brechen könnte, ist Do-Cube, eine Lösung für die Analyse von Social Media. Die Software durchkämmt Blogs nicht nur nach eingetippten Schlüsselbegriffen und zählt die Häufigkeit der Nennungen. Doch das wäre zu gewöhnlich. Vielmehr schlüsselt sie aus der Analyse der Blogeinträge die Beiträge nach Altersgruppe und Geschlecht auf. Der Trick: Die Software studiert die knapp sieben Prozent der Blogger, die ein Profil von sich veröffentlichen, erklärt Isamu Watanabe, der zuständige Direktor. Und mittels Maschinenlernen ermittelt der virtuelle Menschenkenner Schlüsselwörter und -wendungen, die typisch sind für Männlein und Weiblein, jung und alt, berufstätige Single- oder Hausfrau.

Wie das für die Produktentwicklung oder das Marketing genutzt werden kann, demonstriert Watanabe am Beispiel eines Entsafter: Er gibt das Wort ein, klickt auf "Suchen" und schon erscheint das Ergebnis. Er kann jetzt nicht nur erkennen, welche Kundengruppe am meisten über Entsafter bloggt. Männer, die darüber bloggen, sind beispielsweise sehr gesundheitsbewusst, aber auch politisch interessiert, ergibt die Auswertung. Einen Tab-Klick weiter erscheinen auch Auszüge aus den Blogs, die den Begriff Entsafter mit anderen kombinieren. Zum Beispiel Karotten.

Eine berufstätige Singlefrau beschwert sich dann darüber, dass beim Pressen von Karotten so viele nutzlose Fasern anfallen. Eine Rubrik weiter unten gibt eine Hausfrau Rezepttips, was man mit den Fasern noch so kochen kann. "Der Kunde kann damit Probleme erkennen und einfache Lösungen entwickeln, die den Verkauf des Produkts hoffentlich drastisch erhöhen werden", erklärt Watanabe. In diesem Beispiel könnte dann ein kleines Rezeptheft beigelegt werden, zu welchen kulinarischen Kunstwerken die Möhrenfasern verarbeitet werden können.

Der Experte ist sich sicher, dass es für die bisher nur auf Japanisch abgestimmte Entwicklung einen globalen Markt gibt. Normalerweise müssten Unternehmen für solche Analysen Kunden aufwändig beobachten oder befragen. "Aber wir können Marketingeinsichten aus den sozialen Medien direkt gewinnen. Und wir können das mit einem Klick." In Entwicklung sind bereits Ausgaben des Programms auf Englisch und Chinesisch.

Mein Fazit: Gewiss, für Fans von schrägen Produkten für Jedermann ist Japans Abschied vom Gadgetismus vielleicht bedauerlich. Der Trost: Das Adieu zu einer Produktkategorie heißt nicht, dass Japan weniger erfindungsreich geworden wäre. Aber die Kreativität wird sich in Zukunft in anderen Produkten und Lösungen Bahn brechen als in der Vergangenheit. (bsc)