Ein offener Brief an die (Finanz-)Krise
Die IT-Branche schaltet von Jubel auf tiefste Depression um. Dabei sehen die Zahlen so schlecht noch gar nicht aus.
Liebe (Finanz-)Krise,
so langsam ist das Maß aber voll. Wir hatten uns gerade erst mühsam von dem großen Knall in der IT-Branche am Anfang des Jahrtausends erholt.
Vergessen schienen die harten Zeiten, in denen die jungen milliardenschwer bewerteten Unternehmen des Neuen Marktes ihre Reise ins Nirgendwo antraten, in denen Geständnisse, in einer Firma zu arbeiten, die irgendwas mit Internet zu tun hat, Reaktionen hervorrief, die eine Mischung aus Mitleid und sozialer Ausgrenzung waren.
Nein, wir hatten es uns gerade richtig gemütlich gemacht. Es schien, als sollte es ewig so weitergehen. Die Tagessätze von IT-Spezialisten gingen (falls man welche auftreiben konnte) durch die Decke, und selbst Firmen mit zweifelhaften Geschäftsmodellen hielten sich erstaunlich gut über Wasser.
Aber, liebe Krise, hätte es nicht ausgereicht, diese Party zum Ende kommen zu lassen, indem man seichte Musik auflegt und den Feiernden die Bowle wegnimmt? Man muss doch nicht gleich ein SEK rufen und die Feier stürmen!
Man reibt sich verwundert die Augen, mit welcher atemberaubenden Geschwindigkeit die Granden der IT-Branche von Jubel auf tiefste Depression umschalten. Dabei sehen die Zahlen so schlecht noch gar nicht aus. Schon jetzt, wo wir noch gefühlte Windstärke 3 bis 4 haben, werden die Segel eingeholt, die Schotten dicht gemacht und darüber spekuliert, ob man nicht viel zu viel Ballast an Bord hat.
Was passiert dann eigentlich im Frühjahr, wenn dann, wie zu erwarten ist, Du liebe Krise, Dich von einem Tiefdruckgebiet für die Realwirtschaft in einen richtigen Sturm verwandelt hast?
Nicht böse sein, liebe Krise, aber wir sind Deiner überdrüssig. Es ist an der Zeit, dass Du dahin zurückkehrst, wo Du hergekommen bist. In die verarmten Suburbs US-amerikanischer Großstädte. Wir haben hier nämlich viel zu wenige gestandene Kapitäne, es wimmelt nur so von Leichtmatrosen, denen es an der Fähigkeit mangelt, ordentlich zu navigieren und einen solchen Sturm zu überstehen. Es dauert wahrscheinlich nicht mehr lange, dann werden die ersten aus purer Angst ihr eigenes Boot versenken.
Und glaube mir, liebe Krise, man wird Dich auch dafür verantwortlich machen! Und das willst Du doch sicher nicht, oder?
Mit freundlichen Grüßen
Steve Janata Senior Advisor, Experton Group AG
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