"Es geht um mehr als Hardware"
Bandar Antabi, Head of Special Projects bei Jawbone, über das Tracking-Armband UP, die Bedeutung von gut durchdachten Datendiensten rund um vernetzte Geräte und das Internet der Dinge.
- Niels Boeing
Bandar Antabi, Head of Special Projects bei Jawbone, über das Tracking-Armband UP, die Bedeutung von gut durchdachten Datendiensten rund um vernetzte Geräte und das Internet der Dinge.
Jawbone hat sich als Hersteller von drahtlosen Headsets und zuletzt des Trackingarmbands UP einen Namen gemacht. Im Silicon Valley wird bereits gemunkelt, ob sich da ein echter Rivale für Apple entwickeln könnte. Denn wie der Platzhirsch für den digitalen Lifestyle legt Jawbone großen Wert auf ein durchdachtes Design – nicht nur bei der Hardware. Technology Review sprach mit Bandar Antabi, Head of Special Projects und von Anfang an bei Jawbone dabei, über die Herausforderungen eines Tracking-Geräts, den Mehrwert von Datendiensten und das Internet der Dinge.
Technology Review: Jawbone-Gründer Hosain Rahman sagte einmal, die Entwicklung des Tracking-Armbands UP habe damit begonnen, dass er sich Sorgen um seine Gesundheit machte. UP kann die körperliche Aktivität, Schlafzyklen und Kalorienzufuhr messen. Wozu ist das gut?
Bandar Antabi: Wir wollen das Verhalten der Menschen ändern. Wir alle wissen, wie schwer das ist. Man meldet sich in einem Fitnessstudio an, zahlt die Gebühr für ein Jahr, und nach zwei Monaten geht man nicht mehr hin. Mit UP - und der neuen drahtlosen Variante UP 24 - wollen wir den Menschen helfen, Daten über ihren körperlichen Zustand zu sammeln, und anhand der Daten Vorschläge machen, was sie verbessern können.
UP ist ein ganzes System: Hardware, Software und Daten. Wir haben enorm viele Datenpunkte von UP-Nutzern, 600 Milliarden zurückgelegte Schritte, 16 Millionen durchschlafene Nächte. Unser Datenteam analysiert daraus Trends. Es fand etwa heraus, dass weibliche Nutzer sich mehr bewegen und mehr Kalorien verbrennen, wenn sie regelmäßig eine halbe Stunde früher schlafen gehen. Anhand solcher Trends machen wir Nutzern Vorschläge. Ich selbst benutze UP seit zweieinhalb Jahren.
TR: Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Antabi: Ein Beispiel: Vor zwei Wochen bin ich ziemlich zerschlagen aufgewacht. Ich startete die App auf meinem Smartphone und bekam sofort eine "Insight" - eine persönliche Information: Ich hatte die Tage zuvor nur fünfeinhalb Stunden pro Nacht geschlafen statt der üblichen sieben. Ergänzend stand da: "Ich will Sie nicht erschrecken, aber Schlafmangel verringert die Zahl der Spermien." Das hat mich ziemlich schockiert. Dazu gab es einen Link zu einem Artikel in der Huffington Post, dass lang anhaltender Schlafmangel Krankheiten wie Diabetes Typ 2 verursachen kann. Das UP-System stellte mir dann die Aufgabe, wieder früher ins Bett zu gehen. Auf diese Weise wollen wir Nutzer achtsamer machen.
TR: UP ist also eigentlich eine Art persönlicher Trainer, wie ihn sonst nur Spitzensportler und Filmstars haben?
Antabi: Ja, und noch mehr. Wir haben auch eine große Datenbank über Lebensmittel. Sie können die Barcodes von Produkten einscannen, aus denen das System die Kalorien ermittelt, die Sie zu sich nehmen. Oder eingeben, wieviel Wasser Sie am Tag trinken. Daraus werden Aufgaben formuliert, die Sie als Nachrichten bekommen. Sie können sich über die UP-Platform auch mit Freunden vergleichen. Wir haben festgestellt, dass Nutzer mit Freunden 15 Kilometer mehr im Monat gehen.
TR: In Deutschland erwägen einige Krankenkassen bereits, Daten aus Tracking-Geräten in Gesundheitsprofile zu integrieren, in den USA hat die Krankenversicherung Aetna bereits damit begonnen. Werden wir irgendwann höhere Beiträge zahlen müssen, wenn wir unser Fitness-Soll nicht erfüllen?
Antabi: Ich fände es andersherum nicht schlecht, wenn eine Versicherung den Beitrag senkt, weil sie sieht, dass man sein Verhalten zum Guten verändert hat. Der Punkt dabei ist doch: Wer kontrolliert die Daten? Wir haben immer klar gestellt, dass die Daten dem Nutzer gehören. Er kann sie auch wieder löschen. Alle Apps, die sich mit dem UP-System verbinden, müssen per Opt-in die Freigabe bekommen. Und die Daten ebenfalls löschen, wenn Sie das im UP-System tun.
TR: Kann man nicht auch ohne Hilfstechnologien fit und gesund bleiben? Durch die so oft propagierte Entschleunigung?
Antabi: Beide können zusammenexistieren. Technik kann bei der Entschleunigung sogar helfen. Ich habe UP so eingestellt, dass ich jeden Abend um elf eine Nachricht bekomme, dass in einer halben Stunde Bettzeit ist. Ich nutze UP also, um etwa den Fernseher auszumachen und mich aus dem Tag auszuklinken.
TR: Anfangs hat Jawbone Headsets und Lautsprecher hergestellt. Mit UP bewegen Sie sich Richtung "Internet der Dinge", in dem sich Sensoren und tragbare Rechner vernetzen.
Antabi: Wir ziehen den Begriff "Internet of you" vor. All die Geräte müssen um sie herum angeordnet werden, um personalisierter und reibungsloser zu arbeiten. Dazu gehören übrigens auch unsere Headsets.
TR: Wie sieht das praktisch aus?
Antabi: Ich war kürzlich in München. Als ich um halb acht im Hotel eincheckte, bekam ich eine Push-Nachricht, mein Bewegungspensum für den Tag sei erst zu 80 Prozent erfüllt. Ich hatte eine Stunde später eine Verabredung in einem Restaurant, dazwischen musste ich noch einen Conference Call annehmen. Ich beschloss also, zum Restaurant zu laufen, die Wegbeschreibung kam vom iPhone-Assistenten Siri. Während des Gehens nahm ich den Anruf an. Mein Headset kann aufgrund einer speziellen Rauschunterdrückung, die Jawbone entwickelt hat, die Umgebungsgeräusche herausfiltern. Der Anrufer denkt, ich sitze im Büro, während ich durch München laufe und Siri mir Anweisungen gibt. Auf diese Weise habe ich also mein Bewegungspensum erfüllt, das Restaurant erreicht und meinen Anruf gemacht. Ohne das Smartphone aus der Tasche zu nehmen.
TR: Wie wichtig werden in Zukunft tragbare Displays wie Google Glass sein?
Antabi: Die Branche ist noch ziemlich jung. Da geht es noch um Fragen wie die, ob das Display in der Ecke des Blickfeldes sein soll oder direkt vor einem. Ich glaube aber, dass das kommen wird, dass sich eine Lösung etablieren wird.
TR: Welchen Rat würden Sie Start-ups geben, die jetzt in Tracking- und andere vernetzte Geräte gehen wollen?
Antabi: Es geht um mehr als Hardware. Das kann jeder. Sie müssen sich auf das Erleben des Nutzers konzentrieren. Viele Hersteller von Tracking-Geräten versuchen, möglichst genaue Sensoren einzubauen. Aber ohne eine sinnvolle Auswertung der Daten geben die Leute das Gerät nach ein paar Wochen wieder auf. (nbo)