Die Gezeitenwende
Lange war es still um Meereskraft. Doch nahezu unbemerkt von der westlichen Öffentlichkeit entstand in Südkorea das größte Gezeitenkraftwerk der Welt.
- Martin Kölling
Lange war es still um Meereskraft. Doch nahezu unbemerkt von der westlichen Öffentlichkeit entstand in Südkorea das größte Gezeitenkraftwerk der Welt. Auch die Idee schwimmender Sonnen- und Windkraftwerke auf den Ozeanen nimmt Form an.
Kim Jong-deug steht stolz in einer gigantischen Maschinenhalle. Rechts von dem Ingenieur erstreckt sich das Gelbe Meer, links der eingedeichte Sihwa-See, 50 Kilometer südwestlich von Südkoreas Hauptstadt Seoul. An Unterhaltung ist nicht zu denken. Zehn Meter unter ihm tost Wasser durch riesige Turbinen aus dem Meer in den See. Kim ist sichtlich in seinem Element. Kein Wunder, das 2011 fertiggestellte Kraftwerk ist nicht nur das größte Gezeitenkraftwerk der Welt, sondern vor allem so etwas wie sein Kind. Kim war an Planung und Bau beteiligt und ist nun für den operativen Betrieb zuständig. Die Ausmaße sind eindrucksvoll: Elf Kilometer misst der Damm, der das Meer von der Bucht abtrennt, 254 Megawatt leisten die zehn Rohrturbinen am Meeresgrund, die durch den Tidenhub angetrieben werden. Damit übertrumpft Kims Kraftwerk das 1966 gebaute Vorbild La Rance in der Mündung des Rance-Flusses in Frankreich um 14 Megawatt.
Doch Kim ist sich bewusst, dass er seinen Rekord vielleicht bald verlieren wird. „In der Garorim-Bucht südlich von hier soll ein Gezeitenkraftwerk entstehen, das doppelt so viel Leistung wie unseres hat“, erzählt er. Der Bauantrag läge gerade dem Umweltministerium zur Entscheidung vor. Außerdem wartet ein noch größeres Projekt in der Ganghwa-Bucht in den Schubladen. Mit 813 Megawatt hätte es fast die Leistung eines Atomreaktors. Allein dieses Kraftwerk würde die heutige weltweit kommerziell installierte Leistung von Gezeitenkraftwerken übertrumpfen: Dem Bericht „Renewables 2013“ des Netzwerks Ren21 zufolge standen 2012 gerade einmal 527 Megawatt aus Gezeitenenergie zur Verfügung.
Die Gigantomanie in Südkorea steht für einen globalen Trend. Auf der Suche nach alternativen Energiequellen rückt das Meer jedes Jahr stärker in den Fokus. Denn in den Ozeanen schlummert ein riesiges, ungehobenes Potenzial. Bis zu 2000 Terawattstunden elektrische Energie könnten die Gezeitenströmungen und Wellen liefern, schätzt der Weltenergierat, eine 90 Jahre alte Vereinigung von Experten. Hinzu kommen könnte künftig Strom aus unterseeischen Wärmekraftwerken oder von schwimmenden Sonnen- und Windkraftwerken an der Wasseroberfläche. Die weltweit größten entstehen derzeit in Japan, denn das Inselreich sucht nach der Atomkatastrophe von Fukushima verzweifelt nach alternativen Energien.
Paradebeispiele dafür, wie Ingenieure sich die Zukunft der Meereskraftwerke vorstellen, liefert Südkorea. Die Westküste des Landes ist mit ihren flachen Wattlandschaften und tiefen Buchten wie kaum eine Region der Welt für Gezeitenkraftwerke prädestiniert. An der Stelle von Kims Bau etwa beträgt der normale Tidenhub satte neun Meter. Von der Planung bis zum Bau vergingen gerade einmal neun Jahre, erstaunlich rasch für ein Vorhaben dieser Größenordnung. Einer der wesentlichen Gründe war, dass das Gezeitenkraftwerk in Sihwa eine gigantische ökologische Sünde korrigierte, für die das südkoreanische Staatsunternehmen K-Water verantwortlich war. Es managt von einem hochmodernen Kontrollraum in seiner Zentrale in Daejeon nicht nur landesweit die Wasserversorgung der gesamten Industrienation, sondern mit seinen 16 riesigen Stauseen auch einen Großteil der Wasserkraftwerke des Landes. Darüber hinaus ist es einer der größten Entwickler von Industriegebieten und Städten.Während Südkoreas wirtschaftlicher Aufholjagd in den 1980er-Jahren kam K-Water auf die Idee, einen Süßwassersee an der Küste zu schaffen. Er sollte den kargen Landstrich in eine blühende Landschaft verwandeln. Also zog das Staatsunternehmen einen elf Kilometer langen Deich durch die Bucht. um sie in einen Süßwassersee zu verwandeln. Zuflüsse sollten das Wasser liefern. Man ahnt, was folgte.
1994 war der Damm fertig. Kurze Zeit später war der See eine Kloake, weil mehr Abwasser einlief als gedacht. Nichts half, weder größere Kläranlagen, die Umleitung der Abwässer oder die Anlage von reinigenden Sümpfen. Die Regierung beschloss daher im Jahr 2000, den Damm wieder zu öffnen.
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