Canal Grande

Ein Chinese will einen gewaltigen Kanal durch Nicaragua bauen. Es wäre eine beispiellose Ingenieursarbeit. Aber zu welchem Zweck?

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Von
  • Marcel Grzanna

Ein Chinese will einen gewaltigen Kanal durch Nicaragua bauen. Es wäre eine beispiellose Ingenieursarbeit. Aber zu welchem Zweck?

Seit 40 Jahren bewegt der Australier Bill Wild im wahrsten Sinne des Wortes die Welt. Der Ingenieur ist Spezialist für Bauvorhaben, bei denen riesige Mengen des Erdreichs ausgehoben werden. Der 66-Jährige leitete in seiner beruflichen Laufbahn bereits die Bauarbeiten für Minen der internationalen Bergbauindustrie, aber auch für Brücken, Straßen oder Gebäude. Doch die größte Aufgabe seines Lebens steht Wild noch bevor. Er ist verantwortlich für den geplanten Bau einer Wasserstraße quer durch Nicaragua. Beauftragt dazu hat ihn der chinesische Unternehmer Wang Jing, Chef einer Pekinger Telekommunikationsfirma namens Xinwei, die Netzwerke ausrüstet, aber auch Smartphones entwickelt. Bis Ende des Jahrzehnts will Wang eine Alternative zum Panamakanal geschaffen haben, um Atlantik und Pazifik quer durch Mittelamerika miteinander zu verbinden. Der Kanal könnte sich je nach Route über bis zu 300 Kilometer erstrecken, fast viermal so lang wie sein Vorbild in Panama. Die Erdmenge, die dafür bewegt werden muss, gilt als beispiellos für ein ziviles Bauprojekt.

Im Juni 2013 gab Wang Jing sein gewaltiges Vorhaben bekannt. Weil anschließend massive Zweifel an der Verwirklichung laut wurden, versicherten Wang und Nicaraguas Präsident Daniel Ortega zu Beginn dieses Jahres schriftlich, am Dezember-Termin für den Baubeginn festzuhalten. Doch drängende Fragen blieben nach wie vor im Dunkeln. Wie soll die genaue Route verlaufen? Welche Dimensionen soll der Kanal bekommen? Welche Schiffe sollen ihn passieren? Und vor allem: Wie weit ist die Planung? Interviewanfragen an die Holding in Hongkong wurden nach Peking weitergeleitet, wo die von Wang geleitete Telekommunikationsfirma Xinwei ihren Sitz hat. Doch dort will niemand etwas mit dem Kanal zu tun haben. Erst nach Monaten gab HKND auf Drängen von Technology Review nach und äußerte sich in Person von Projektleiter Bill Wild zum Fortschritt der Pläne. „Ohne Zweifel wird dieses Projekt ein Wunder moderner Ingenieurstechnik werden. Der Kanal wird so breit und tief sein, dass ihn die größten Schiffe der Welt passieren können, die in den nächsten 50 Jahren gebaut werden“, sagt Wild. Der Panamakanal und seine Schleusen bewältigen Schiffe mit einer Maximallänge von knapp 300 Metern, die deshalb auch Panamax-Größe genannt wird. Zwar befindet sich der Kanal bis 2015 im Ausbau, doch auch nach der Erweiterung bleibt er für Supertanker zwei Nummern zu klein.

Es gibt heute bereits Schiffe mit einer Länge von fast 500 Metern. Um sie zu befördern, sollen die Schleusen in Nicaragua komplett neue Maßstäbe setzen. Wild kündigt an, sie würden „mindestens doppelt so groß“ wie die weltweit größte im Hafen von Antwerpen. Die Berendrecht-Schleuse ist 500 Meter lang, 68 Meter breit und 17,7 Meter tief. Ihr Volumen: 600000 Kubikmeter Wasser. Bis zu vier Schiffe können gleichzeitig darin gehoben werden.

(jlu)