Der Talentfinder

Kinder aus Arbeiterfamilien studieren immer noch zu selten. Die Westfälische Hochschule in Gelsenkirchen will das ändern und beschäftigt als einzige deutsche Hochschule einen Talentscout.

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Von
  • Kristin Raabe

Kinder aus Arbeiterfamilien studieren immer noch zu selten. Die Westfälische Hochschule in Gelsenkirchen will das ändern und beschäftigt als einzige deutsche Hochschule einen Talentscout.

Was hast du denn mit deinen Ohren gemacht? Tut das weh?“ – Suat Yilmaz ist fasziniert von den großen Löchern in Tims Ohrläppchen. Ein schwarzer Ring dehnt sie auf etwa einen Zentimeter Durchmesser, man könnte einen Finger hindurchstecken. „Klar tut das weh“, antwortet der 20-jährige Studienanfänger und lacht. „Das ist schon strange, aber in deinem Alter hätte ich das wohl auch gemacht.“ Dieser kurze Dialog ist typisch für Suat Yilmaz: Der 38-Jährige reißt schnell jede Barriere ein, die zwischen ihm und seinen etwa halb so alten Klienten besteht. So entsteht Vertrauen, das er für seine Arbeit braucht: Der Talentscout will Schüler für ein Studium an der Westfälischen Hochschule (WH) in Gelsenkirchen motivieren.

Momentan gibt es dort zwar keinen Mangel an Studenten, weil auf 1800 Erstsemester-Studienplätze 11000 Bewerbungen kommen. „Doch der Geburtenrückgang wird spätestens 2020 auch an den Hochschulen ankommen“, sagt Yilmaz. „Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, dass begabte junge Menschen allein wegen ihrer Herkunft kein Studium beginnen.“ Also gründete das Rektorat 2010 eine Abteilung für Talentförderung. Sechs hauptamtliche Mitarbeiter geben Sprachkurse, helfen bei Bewerbungen oder vermitteln Stipendien. Dabei beschränken sie sich nicht auf den Gelsenkirchener Raum: Die WH hat auch Standorte in Ahaus, Bocholt und Recklinghausen. In diesen ländlichen Regionen sind ihre Dienste genauso gefragt.

Das Ziel von Yilmaz und seinen Kollegen ist es, Menschen wie Tim zu finden. Der schlaksige, gut über 1,90 Meter große junge Mann sieht mit seiner verwaschenen Jeans und dem grauen Hoodie zwar nicht gerade aus wie ein Musterschüler, ist aber definitiv ein Talent. Tim hat sein Fachabitur mit 1,2 gemacht, nebenher ist er als Konfirmandenhelfer tätig und gibt für Grundschüler Workshops im „Dice Stacking“, einer Randsportart, bei der mithilfe eines Bechers Würfel gestapelt werden. Trotz seiner guten Noten hat Tim lange gebraucht, um sich für ein Studium zu entscheiden. In seiner Familie war er damit der Erste. Sein Vater arbeitet am Hochofen und seine Mutter in einer Kantine. In so einem Umfeld fehlen Vorbilder für die akademische Ausbildung – und allzu oft auch die Ermutigung.

Yilmaz kennt die Situation aus eigener Erfahrung. Sein Vater war Facharbeiter, und auch von seinen drei älteren Geschwistern hat keiner studiert. Als Yilmaz auch noch vom Gymnasium flog und lediglich in der nächsten Hauptschule noch einen Platz fand, schien ein Studium außer Sichtweite. Aber der Rektor der Hauptschule erkannte sein Talent, ermutigte ihn und sorgte schließlich dafür, dass Yilmaz auf einer Gesamtschule das Abitur machen konnte. Über ein Studium der Sozialwissenschaften und einen Job bei der politischen Jugendarbeit fand er dann zur Talentförderung.

(grh)