Masse statt Klasse
China steht am Scheideweg: Um sein Wirtschaftswachstum zu sichern, muss sich das Land zur Forschungsnation entwickeln. Die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen ist mittlerweile beeindruckend. Aber das allein reicht nicht.
- Marcel Grzanna
China steht am Scheideweg: Um sein Wirtschaftswachstum zu sichern, muss sich das Land zur Forschungsnation entwickeln. Die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen ist mittlerweile beeindruckend. Aber das allein reicht nicht.
Es geht lebhaft zu im Labor von Professorin Chi Nan auf dem Campus der Fudan-Universität in Shanghai. Einige Mitarbeiter basteln an den Kabeln einer Apparatur, andere analysieren Zahlen auf einem Monitor. Mittendrin steht ungezwungen im roten Kapuzenpulli die Professorin und verabschiedet eine alles andere als ungezwungene vierköpfige Besuchergruppe. Die Unternehmensvertreter wollten mehr erfahren über die Errungenschaft von Chi und ihrem Team: Internet aus der Glühbirne. „Seit Oktober sind wir ziemlich damit beschäftigt, unsere Entwicklung der Außenwelt vorzustellen“, sagt die Laborleiterin. Journalisten, Wirtschaftsvertreter und Beamte rennen den Forschern die Tür ein: 100 Termine in vier Monaten.
Das Problem ist nur: Die Idee ist gar nicht neu. Und sie stammt nicht aus China. Ein internationales Konsortium arbeitet seit mehreren Jahren an der sogenannten Visible Light Communication, auch Light-Fidelity-Technologie (Li-Fi) genannt. Die Strahlen einer LED-Lampe übertragen dabei Datenpakete. Das Heinrich-Hertz-Institut in Berlin meldete schon 2011 erste Erfolge. In Großbritannien haben Forscher LEDs entwickelt, die 3,7 Gigabit pro Sekunde übertragen können.
Die Begeisterung bei chinesischen Medien und den für Forschung und Technik zuständigen Behörden ist dennoch groß. Die Untersuchungen der Fudan sind Teil des staatlichen Hochtechnologie-Forschungsprogramms 863 und wurden mit umgerechnet 350000 Euro gefördert. Alle Beteiligten sind sich einig, dass sich die Investition gelohnt hat. Den Forschern gelang es, die Datenübertragung zu beschleunigen, indem sie viele Datenströme nebeneinander über eine einzige Glühlampe versenden.
Doch zu Papier gebracht ist darüber bislang noch nichts. Entsprechend zurückhaltend nahm man in Europa die Nachricht auf. Denn wie groß der Beitrag Chinas zur Entwicklung von Li-Fi tatsächlich ist, bleibt unklar. Chi sagt, von einer kommerziellen Nutzung sei man noch sehr weit entfernt. „Wir befinden uns weiterhin in der Pionierphase der Forschung.“ Sie räumt zudem ein: „Die erhöhte Geschwindigkeit der Datenübertragung vergrößert auch die Zahl der Fehlerquellen. Dieses Problem müssen wir noch lösen.“ Aber: Man könne nun eine ganze Menge wissenschaftlicher Artikel darüber veröffentlichen. Der Zugang zu weiteren Fördergeldern scheint geebnet zu sein. Beim Abschied weist sie noch darauf hin, dass der Artikel unbedingt das Technologie-Ministerium und die Wissenschaftskommission der Stadt Shanghai als Schirmherren erwähnen solle. Schließlich hätten die ihre Forschung mit der finanziellen Unterstützung überhaupt erst möglich gemacht. Dann lächelt sie freundlich, reicht die Hand und sagt: „Danke für Ihr Kommen, wir haben reichlich zu tun.“
Doch wie wertvoll sind Arbeiten wie ihre wirklich im internationalen Technologie-Wettbewerb? Bei dieser Frage geht es für die chinesische Regierung um deutlich mehr als das Prestige, das olympische Goldmedaillen bringen. Es geht um die Zukunft des Landes. China steht am Scheideweg seiner Entwicklung. Es ist zwingend auf wegweisende Erkenntnisse seiner Forscher angewiesen, um technologisch zu den führenden Industrienationen aufzuschließen. Der Grund: Das bisherige Wachstumsmodell der zweitgrößten Volkswirtschaft wankt. Seit Jahrzehnten stützt es sich auf den Bau von Infrastruktur und Wohnraum und den Export von Billigprodukten.
Doch die Konjunktur verliert mehr und mehr an Dynamik, weil die Welt genug billige T-Shirts und Turnschuhe aus China gekauft hat und weil es inzwischen Flughäfen und Autobahnen im ganzen Land gibt. Nach 30 Jahren mit durchschnittlich zweistelligen Wachstumsraten wuchs die Wirtschaftsleistung 2013 um nur noch 7,7 Prozent, Tendenz fallend. Gelingt es der Kommunistischen Partei nicht, mit Innovationen und Hochtechnologie made in China das Wachstum anzukurbeln, muss sie um ihr Machtmonopol bangen.
(rot)