Mut zur Ehrlichkeit

Crowdfunding-Pioniere erwecken gerne in ihren Videos den Eindruck, alles unter Kontrolle zu haben. Haben sie aber nicht. Darum sollten sie nicht so tun und wir uns nicht davon blenden lassen.

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Von
  • Jens Lubbadeh

Crowdfunding-Pioniere erwecken gerne in ihren Videos den Eindruck, alles unter Kontrolle zu haben. Haben sie aber nicht. Darum sollten sie nicht so tun und wir uns nicht davon blenden lassen.

Ja, Crowdfunding ist was Schönes. Was gibt es da nicht alles für tolle Sachen. Zwei Projekte habe ich letztes Jahr im Dezember unterstützt. Wann ich sie endlich in Händen halten kann? Keine Ahnung, denn die Jungs brauchen ihre Zeit. Mehr als sie behaupteten.

Das eine Projekt ist die Neptune Pine, eine Smartwatch, die eigentlich ein miniaturisiertes Smartphone ist. Ursprünglich angedachtes Lieferdatum war mal der Januar. Dann stellte man plötzlich fest, dass die amerikanischen und europäischen Regulierungsbehörden FCC und CE ja auch ihre Zeit für die Zertifizierung der Uhr benötigen. Als neues Lieferdatum wurde der 30. April gesetzt. Jetzt, 45 Projekt-Updates später, hat man plötzlich Probleme bei der Fertigung der Platinen in den chinesischen Werken - man habe fehlerhafte Platinen gefunden. Das wird den Zeitplan zwar angeblich nur um wenige Tage nach hinten werfen, aber nichts genaues weiß man nicht. Selbst wenn meine Uhr tatsächlich noch im Mai ankommen sollte, woran ich ehrlich gesagt nicht mehr glaube – das klingt nicht wirklich vertrauenserweckend. Ich rechne mit allem - zum Beispiel dass ich mich, genau wie die Pebble-Käufer, womöglich mit genervten Zollbeamten streiten werde, die mir meine Uhr aus der Hand reißen, weil irgendein blödes Formular fehlt. Oder dass ich eine Uhr bekomme, die eine schlechte Platine abbekommen hat und mir am Ende noch Elektroschocks verpasst.

Das zweite Projekt ist Lock 8, ein Smartphone-gesteuertes intelligentes Fahrradschloss mit Diebstahlsicherung und GPS-Tracker. Angepeilter Auslieferungstermin war Juni. Nun schreiben die Macher, dass sie gerne noch die Softwaresteuerung ausgiebiger testen möchten und mehr Zeit brauchen. Als neuen Termin setzen sie mal eben den September fest. Wahrscheinlich wird das Schloss pünktlich zum Winter fertig. Dann, wenn die Fahrrad-Saison endet.

Mir ist klar, dass Crowdfunding-Pioniere keine Vollprofis sind und nicht über die Erfahrungen und Möglichkeiten eines Großkonzerns verfügen. Aber in den Pitch-Videos erwecken sie leider genau diesen Eindruck. Ein wenig mehr Offenheit würde ich begrüßen. Vielleicht müssen wir Backer uns da aber auch an die eigene Nase fassen. Statt uns von hochpolierten Videos blenden zu lassen, sollten wir denen eine Chance geben, die mutig zum Unperfekten stehen. Damit sorgen wir dafür, dass Crowdfunding nicht irgendwann genauso wird wie die normale Massenkonsumwelt, in der der Kunde oft genug hinters Licht geführt wird und zu dem die Industrie längst den Kontakt verloren hat. (jlu)