Die Bequemisierung der Welt

Die einen nennen es Sharing, die anderen teilen, tauschen oder borgen. Der Boom ist nicht zu übersehen – und er verändert unsere Gesellschaft.

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Von
  • Peter Glaser

Die einen nennen es Sharing, die anderen teilen, tauschen oder borgen. Der Boom ist nicht zu übersehen – und er verändert unsere Gesellschaft.

Während eines Südafrika-Urlaubs kam dem Hamburger Wirtschaftsinformatiker Philip Glöckler eine Idee. Er wollte wissen, welcher seiner Freunde gerade in Kapstadt ist, von wem er sich ein Surfboard ausleihen könnte oder wo es den besten Burger der Stadt gibt. Die Idee, über Produkte mit Freunden ins Gespräch zu kommen und sozusagen verborgene Gemeinsamkeiten zu entdecken, ließ ihn auch nach dem Urlaub nicht mehr los. Also schrieb er "Why own it" – eine App, die es einfach macht, sich Gebrauchsgüter von seinen Freunden oder von Nachbarn zu leihen, sei es eine Leiter für Malerarbeiten, ein aktueller Bestseller oder eine Bohrmaschine. Statt sich etwas neu zu kaufen, bekommt man Zugriff darauf und hat vielleicht dazu noch ein nettes Zusammentreffen. "Erlebnisse", findet Glöckler, "sind wichtiger als Dinge."

Untersuchungen zufolge liegt in deutschen Haushalten ungenutzter Hausrat im Wert von 35,5 Milliarden Euro herum. Jeder Haushalt hortet demgemäß Dinge im Wert von mehr als 1000 Euro, die er nie benötigt. Die vielzitierte Bohrmaschine wird, auf ihre Lebensdauer gerechnet, im Durchschnitt 13 Minuten lang genutzt. Mit dem florierenden Interesse am digital bequemisierten Tauschhandel beginnt sich auch der Wert von Besitz zu verändern. Wer einmal die Vorteile von Carsharing für sich entdeckt, die vor allem für Stadtbewohner interessant sind, wird sich möglicherweise bald fragen, wieso er sich eigentlich ein eigenes Auto kaufen soll, das dann doch 90 Prozent der Zeit nur auf einem Parkplatz steht und Geld kostet.

Der schlichte Zugriff auf Dinge und Dienstleistungen gewinnt gegenüber dauerhaftem Besitz an Bedeutung. Der Unterschied wird deutlich, wenn man die Philosophie des Versandhändlers Amazon mit der von Uber vergleicht, dem Start-up, das als Taxidienst ohne eigene Taxis begonnen hat (Uber stellt nur eine App bereit, die Fahrer und Fahrgast bequem zusammenbringt), inzwischen aber auch eigene Wagen einsetzt.

Während Amazon sich auf das Liefern von Dingen an deren künftige Eigentümer verlegt hat und dieses nun immer weiter zu beschleunigen versucht – etwa mit Lieferung per Flugdrohne –, ist man bei Uber zu dem Schluß gekommen, langfristig nicht im Taxigeschäft sondern in der Logistikbranche tätig zu sein und Dinge schnell, simpel und billig irgendwo hinzubringen, ob Fahrgäste oder eine Bohrmaschine, und ob von privat zu privat oder von einem Logistikzentrum zu einem Kunden.

Ein vielversprechendes Geschäftsmodell, wenn man davon ausgeht, dass es in Zukunft immer öfter darum gehen könnte, eine Bohrmaschine – oder was auch immer – zur Verfügung zu haben, ohne sie kaufen, besitzen und herumliegen haben zu wollen. Dadurch verändert sich noch etwas: Ein Hersteller, der nicht unter Konkurrenzdruck die kostengünstigste Bohrmaschine herstellen muss, die es zu kaufen gibt, sondern eine, die man sich leihen kann, wird darauf bedacht sein, dass die Bohrmaschine auch so lange wie möglich hält. Das wiederum ist nicht nur vom ökonomischen, sondern auch vom ökologischen Standpunkt her interessant. Wenn immer weniger Produkte und immer mehr Dienstleistungen verkauft werden, wird womöglich die ganze Idee des Verkaufens grundlegend revolutioniert. (bsc)